Let’s go sailing – Strategieprozess für Pragmatiker

Sailing

Eine der ältesten Seglerweisheiten stammt vom römischen Philosophen Seneca: „Wer den Hafen nicht kennt, in den er segeln will, für den ist kein Wind der richtige.“ Aber Seneca hat diesen Satz nicht nur als Tipp für Schiffskapitäne formuliert. Sondern vor allem als Rat an all jene, die allein oder zusammen mit anderen etwas erreichen wollen. Das macht den Seneca-Satz auch heute noch so relevant – für alle Unternehmenskapitäne. Und ganz besonders für jene neu angeheuerten Skipper, denen man nicht mehr als 100 Tage gibt, um das Ziel und die beste Route dahin zu finden.

Wer so ein Firmenschiff im Hafen liegen hat, das raus soll aufs Meer, der hat einiges zu tun. Vor allem, wenn da draußen schwere See herrscht und die Zeit langsam knapp wird. Die Herausforderung lautet: In sehr kurzer Zeit mit der richtigen Mannschaft die Ziele für das Unternehmen setzen und den kürzesten und sichersten Weg dahin wählen. Aber wie kann man das in einem so kurzen Zeitfenster organisieren, ohne stapelweise PowerPoint-Seiten zu produzieren und sich in ausufernden Datenanalysen zu verzetteln?

Antwort: Mit einem Bild, das einen Rahmen schafft, um diszipliniert und zielgerichtet im Team zu arbeiten. Dieses Bild ist z.B. das von einem Segeltörn. Es dient der Etablierung und Umsetzung eines pragmatischen und gut strukturierten Prozesses, der die Schlüsselpersonen in die Verantwortung und die Organisation mit klaren Botschaften mit auf die Reise nimmt. Denn in den allermeisten Fällen ist das notwendige Wissen über Kundenbedürfnisse, Positionierung, Wettbewerb oder eigene Leistungsfähigkeit in den Köpfen und auf den Festplatten des Unternehmens vorhanden. Eigentlich geht es nur darum, einen effizienten Weg zu finden, Teamgeist zu schaffen, Wissen und Erfahrungen auszutauschen, um in sechs bis acht Wochen zu einem gemeinsamen Verständnis über den Weg nach vorne zu kommen.

Ein Segeltörn beginnt grundsätzlich damit, die richtige Mannschaft an Bord zu holen: Wissens- und Leistungsträger, die Teil einer spannenden Reise sein wollen und nicht gleich „schlapp“ machen, nur weil es mal etwas schaukeliger wird. Ist die Kernmannschaft an Bord, kann der gemeinsame Erkenntnisprozess beginnen – aufgeteilt auf fünf Workshops unter dem Motto: Let‘s go sailing!

1. Workshop: Zielhafen nennen
Reiseziele aussuchen macht Spaß. Dabei sollte man ruhig anspruchsvoll sein. Zu viel Bescheidenheit kann nämlich Begeisterung und Mechanismen hemmen und so verhindern, dass Großartiges gelingt. Die Mannschaft muss also eine Vision davon entwickeln, wohin sie möchte. Damit es aber nicht bei einer Vision bleibt, muss sich das Team auf umsetzbare und messbare Zwischenziele verpflichten.

2. Workshop: Boot checken
An diesem Tag ist es das Ziel, gemeinsam festzustellen, in welchem Zustand das Unternehmen wirklich ist. Hat die Mannschaft gerade einen Mastbruch in schwerer See erlitten, muss erst einmal die Seetauglichkeit wieder hergestellt werden. Dabei ist es oftmals gar nicht so einfach, sich den Realitäten zu stellen und zu akzeptieren, dass man sich z.B. auf einem aggressiven Wachstumskurs übernommen hat und zu einem echten Restrukturierungsfall geworden ist. Dieser Check ist deswegen so wichtig, weil er die Basis dafür ist, welche Route in welchem Zeitraum sich das Unternehmen zumuten kann.

3. Workshop: Route festlegen
Sind das Ziel und der Zustand des Unternehmens klar, kann abhängig von der Wetterlage die Route gewählt werden. Je besser die Ergebnisse des Bootschecks, desto rauer darf die See sein. Ist das Boot noch angeschlagen, sollte man lieber ruhigere Gewässer ansteuern. In einem solchen Fall lautet die Parole: Fokussierung auf das Wesentliche und Unterlassen des Unwesentlichen. In der Praxis eines Retailers sind dann Like-for-Like-Wachstum und Filialschließungen üblicherweise die Themen. Sind Crew und Boot hingegen in gutem Zustand, sollte der Kapitän mit seiner Mannschaft den Kurs wählen, der sie am schnellsten zum gesetzten Ziel bringt, was für den Retailer auch wieder die Aufnahme des Expansionskurses bedeuten kann.

4. Workshop: Reise vorbereiten
In diesem Workshop geht es darum, ein gemeinsames Verständnis darüber zu schaffen, wer was bis wann mit welcher Unterstützung zu liefern hat. Im Beraterdeutsch ist das ein detaillierter Umsetzungsplan mit klaren Verantwortlichkeiten, Zeitschienen sowie notwendigen Ressourcen und Investitionen. In unserem Praxisbeispiel bedeutet das, sich z.B. darüber klar zu werden, in Eigenregie oder mit einem lokalen Partner ins Ausland zu expandieren, und welche Konsequenzen in puncto Zeit, Ressourcen und Investitionen damit jeweils verbunden sind.

5. Workshop: In See stechen
Sind alle Vorbereitungen getroffen, kann es endlich losgehen. Praktisch heißt das, die ersten Umsetzungen anzustoßen und dabei keine drögen Präsentationen zu halten, sondern Mitarbeitern auf allen Ebenen das Ziel und den Weg erfahrbar zu machen. Frei nach dem Motto „walk the talk“. Nicht inhaltlich überladene PowerPoint-Seiten bleiben im Gedächtnis, sondern authentische und emotionale Botschaften, Geschichten und Bilder. Nur so entsteht Identifikation auf allen Ebenen und Orientierung für Entscheidungen im täglichen Arbeitsleben.

Follow-up-Termine: Am Ruder bleiben, Segel trimmen, Kurs anpassen
Und wie auf einem richtigen Boot reicht es auch in einem solchen Strategieprozess nicht, das Ruder ein Mal zu fixieren und dann zu hoffen, dass man den Zielhafen erreicht. Vielmehr erfordern unterschiedliche Strömungen und Wetter regelmäßig eine Kursüberprüfung, das Trimmen der Segel und ab und an sogar eine Kursanpassung. Aber wenn Mannschaft, Kapitän und Boot gut zusammenarbeiten, wird das Unternehmen das gesetzte Ziel erreichen – selbst wenn die See manchmal etwas stürmischer ist.

Der Autor Marcus Sewtz ist Unternehmensentwickler bei Team Retail Excellence.

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NR-4_12-13_A4_Lets go sailing

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Kategorien: Intrapreneurship, Strategie, Veränderungs-Mngnt

Autor:Marcus Sewtz

Corporate Developer with Team Retail Excellence

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