Wohin zieht sie denn nun, die Beschaffungs-Karawane? Bangladeschs Bekleidungsindustrie im Risiko-Check

Bangladesch ist überhitzt

Viele Händler, Markenhersteller und Importeure haben derzeit größte Probleme, mit dem risikoreichen Beschaffungsmarkt klarzukommen – und das bereits  auch ohne die aktuellen furchtbaren Ereignisse. Durch den Preisanstieg in China erschien Bangladesch als beste preisliche Alternative im Sourcing. Doch die Situation ist äußerst unbefriedigend.

Aufträge werden zunehmend gar nicht mehr oder verspätet produziert. Man „fliegt vom Band“ oder die Qualität und Social Compliance wird immer zweifelhafter. Gerade kleinere und unattraktive Abnehmer und Order werden „durchgereicht“.  Große Firmen wie H&M und C&A sichern sich durch umfangreiche Commitments die Kapazitäten ganzer Fabriken. Hersteller wie Seidensticker gaben kürzlich enge Partnerschaften bekannt und engagieren sich durch Investitionen in Maschinen und Management-Know-how. Andere suchen in Äthiopien nach dem nächsten Bangladesch. Früher nannte man das mal etwas dröge Lieferanten-Management oder strategische Partnerschaften. Heute sieht es mehr nach Risk-Management aus.

Es geht darum, sich in einem – gerade im Verhältnis zu China aber auch Indien und Indonesien – deutlich limitierten Markt erfolgreich aufzustellen. Letztlich sind die 4.500 Fabriken auf ein extrem kleines räumliches Gebiet fokussiert, das Bankensystem ist angeschlagen, die Firmen wachsen unkontrolliert. Die Bekleidungsindustrie steht für über 80% des gesamten Exports. Ein perfekter Nährboden für Korruption und Vetternwirtschaft. Manche nennen es Goldgräberstimmung, andere schieres Chaos und Überforderung einer sowieso schwachen Struktur.

Die deutschen Abnehmer, gerade die preisaggressiven Private-Label-Formate, waren sehr früh in Bangladesch engagiert. Durch die Rohstoffkrise 2010 sind nochmals zusätzliche Beschaffungsanteile aus Not und „hastig“ verlagert worden.  Zusätzlich kommen weitere Beschaffungsströme in das Land, sowohl mittlere Preislagen, neue Produktgruppen, als auch zusätzliche Abnehmerländer. Das alles führt zu unkontrollierbaren Risiken in der Beschaffung und der Corporate Social Responsibilty. Dies geht soweit, dass die EU konkret darüber nachdenkt, die Beschaffung aus Bangladesch durch den Wegfall der Zollfreiheit deutlich unattraktiver zu machen.

Diese Entwicklungen haben wir uns genauer angeschaut und versuchen, die Situation und mögliche Lösungsansätze zu skizzieren. Dazu haben wir uns die Exporte des Landes – sowohl nach Warengruppen als auch nach Empfängerländern – genauer angeschaut.

Die Kompetenzen Bangladeschs – Webwaren deutlich dynamischer als Wirk- und Strickwaren

Letztlich bleibt Bangladesch ein Beschaffungsmarkt, der bei  lediglich drei bis vier Warengruppen eine enorme Bedeutung hat: T-Shirts, Jerseys und Pullover machen 75% der Maschenbekleidung aus. I.d.R. sehr einfache Produkte, sowohl in bei Rohware/Zutaten-Beschaffung als auch in der Verarbeitung, sind der Ursprung der Bekleidungsproduktion. Doch das wandelt sich gerade.

Denn deutlich dynamischer haben sich die Webwaren-Exporte mit über 11% entwickelt. Ganz vorne dabei mit den höchsten Anteilen: Hosen. Herrenhosen wuchsen um 7% und stellen mit über 40% den Schwerpunkt. Damenhosen haben mit 17% Wachstum jedoch die größten Zuwächse. Nimmt man noch die Herrenhemden als dritte große Warengruppe hinzu, stellen diese mit 90% den Kompetenz-Bereich Webware für Bangladesch dar.

 Bild2

Bild3

Anteil und Entwicklung der wichtigsten Warengruppen

In diesem Jahr werden erstmalig die Exporte von Webwaren die der Maschenwaren wertmäßig übertreffen. Unterstellt man einen hohen Auslastungsgrad der Produzenten, bedeutet dies, dass die Investitionen in neue Kapazitäten zunehmend in den i.d.R. lohnintensiveren Web-Bereich gehen. Höhere Wertschöpfung durch komplexere und anspruchsvollere Produkte, Nutzung der Lohnkostenvorteile und sind hier die Stichworte.  Marken-Hosen jenseits VK 100 € im Handel aus Bangladesch sind keine Seltenheit mehr!

Die Kunden – Wir sind nicht mehr allein…

Für Maschenwaren ist Deutschland der mit Abstand wichtigste Abnehmermarkt Bangladeschs mit über  2 Mrd. US$ und 21,5% Anteil in 2012. Die ersten 9 Monate 2012/13 (das Reporting-Jahr Bangladeschs endet am 30.06.) zeigen jedoch einen Anteilsrückgang. Die gleiche Entwicklung zeigt sich bei den USA, Frankreich, Italien und Spanien, die sich ebenfalls unter den Top-10-Abnehmer-ländern befinden und gemessen am Vorjahr kaum mehr Ware beziehen. Vielleicht auch gewollt  (siehe Risiken), aber eben auch, weil die Kapazitäten schlicht nicht ausreichend sind. Neueinsteiger in die Top 10 und einer der größten Wachstumstreiber ist dagegen Dänemark, das seine Importe um 200 Mio. US$ seit 2009 gesteigert hat.  Das Wachstum 2012/13 wird zwischen 15 und 20% liegen. Wer hier der wesentliche Treiber ist, wird die Insider nicht überraschen: Mit der Bestseller-Gruppe haben H&M, Zara, C&A, New Yorker und Co. nicht nur einen äußerst expansiven Wettbewerber in den Innenstädten, sondern auch in den Beschaffungsmärkten. Trotz bester Kontakte nach China hat wohl auch die Bestseller-Gruppe massiv Beschaffungsströme nach Bangladesch umgeleitet.

Doch die wirklich neue Dimension zeigt sich erst auf den hinteren Rängen der Export-Statistik. Noch 2009 machten die Maschenbekleidungs-Exporte Bangladeschs in die BRIC-Länder gerade einmal 58 Mio. US$ aus, weniger als 1%. Dieses Jahr werden es annähernd 250 Mio. US$ sein. Nimmt man noch die VAE  und Polen als neue Player hinzu, so kommen da leicht 500 Mio. US$ Beschaffungsvolumen hinzu, die auf die knappen Produktions-Ressourcen treffen.

Bei Webwaren zeigt sich ein grundsätzlich ähnliches Bild: Die „Etablierten“ wie amerikanischen und deutsche Kunden verlieren Beschaffungsanteile.  Hier zeigt Spanien als „Aufsteiger“ in der Top 10 enormen Anstieg und beschafft 2012 über 300 Mio. US$ mehr Ware aus Bangladesch als noch 2009. Im Wesentlichen Inditex & Mango  haben hier wohl größere Verlagerungen vorgenommen bzw. bedienen das Wachstum, bzw. die erforderlichen wichtigen Einstiegspreislagen verstärkt aus Bangladesch.

Die BRIC-Staaten werden auch bei Webwaren fast durchgängig die Importe um deutlich mehr als 40% ggü. dem Vorjahr steigern. Was im Falle von Brasilien und Russland noch nachvollziehbar ist: Hier gibt es nicht mehr (Brasilien) oder gab es nie (Russland)  eine leistungsstarke und günstige Bekleidungsindustrie. Wenn aber China und Indien – entweder als Empfänger- oder Traderland – stärker auf Bangladesch setzen, zeigt das zum einen die preisliche Wettbewerbsstärke von Bangladesch, aber auch das enorme Risiko für die traditionellen Abnehmer in Europa & USA, gerade in den Anfangspreislagen. Denn inwieweit ein indischer Abnehmer Wert legt, auf Social Compliance-Audits und Zertifizierungen und über Mindestlohn liegende Löhne, darf stark bezweifelt werden. Und aus Sicht eines chinesischen Produzenten/Investors macht es doch Sinn, die eigene Kapazität zu höheren Preisen in den Export zu geben und den Inlandsbedarf aus Märkten wie Bangladesch zu beziehen.

Bild4

Graphik: Entwicklung der BRIC-Länder

Unser Fazit – Aktives Lieferanten-Risk-Management

Während wir in unseren Sourcing-Projekten  eine immer größer werdende Konzentration auf weniger Beschaffungsländer und oft auch Lieferanten feststellen, zeigt sich am Beispiel Bangladeschs, dass hier die Anzahl der Alternativ-Absatzmärkte für die Produzenten deutlich zugenommen hat. Ein Dilemma für Viele.

Beschaffungsmarkt-Management ist langfristig: Wer in 5 Jahren eben nicht mehr in der Zwickmühle China & Bangladesch stecken will, muss sich langfristig und nachhaltig in der Beschaffung engagieren. Und das sind oft enge echte Partnerschaften mit echten Commitments und damit oft der Verzicht von Flexibilität; das muss in der eigenen Organisation und den Prozessen gut verankert sein. Und ist dann auch – ganz by the way – auch oft die beste CSR-Strategie.

Es geht nicht um bahnbrechende neue Konzepte oder komplexe Verfahren. Es geht vielmehr darum, Beschaffungs- und Lieferantenstrukturen nicht als ein Ergebnis der Platzierung von einzelnen Ordern zu betrachten.

Aus unserer Sicht stellt ein wirklich gutes Lieferanten-Management mit objektiver Bewertung der Leistungskriterien des Lieferanten (inkl. Social Compliance!), aber auch der eigenen Attraktivität als Partner, einen wichtigen Grundstein dar. Dafür müssen klare Ziele und Anforderungen aus der Strategie und dem Saison- und Supply-Chain-Konzept ableitbar sein. Und letztlich müssen die eigenen Möglichkeiten zu Zusagen genau geprüft werden: Wie viel Vorleistungen und Commitments,  z.B. im Material-Management kann und will ich übernehmen? Wie viel meines Bedarfes kann und möchte ich in Form von Kapazitäts-Zusagen machen und was bedeutet das für meine Supply Chain, Lead-times und Entscheidungszeitpunkte? Wie kann ich meine Stärken sonst noch dahingehend einbringen, dass ein Produzent präferiert mit mir arbeitet, wie z.B. Finanzierungswege oder Einbringen von technischen oder Management-Know-how. Und letztlich, welche Absatzmittler helfen mir dabei am besten? Eigene Büros, große Agentur-Netzwerke oder eine Vielzahl von Beschaffungsagenten?

Wenn dann noch die eigene Organisation im Produkt- und Beschaffungs-Management diese Anforderungen in operative stabile Prozesse umsetzen kann, können auch in widrigen Beschaffungssituationen die Marge gesichert werden und Risiken – auch in schwierigen Märkten wie Bangladesch.

Schlagwörter: , , , ,

Kategorien: Einkauf, Intrapreneurship

Ihr Abo für Retail Management Impulse

Damit Sie uns nächsten Monat nicht vergessen, ziehen Sie sich ein Abo. Wir melden uns in Ihrem Maileingang, wenn es spannendes Neues gibt. ihr retail intrapreneur

Trackbacks/Pingbacks

  1. Passiert: 14oz zurück im Web. Bestseller auf der Bread & Butter. Blut-Klamotten aus Bangladesch. | profashionals - 10. Mai 2013

    […] man jedenfalls nicht haben. Eine ernüchternde Analyse der Textilexportentwicklung Bangladeschs hat Oliver Schlömann im Blog Retail-Intrapreneur angestellt: Danach sind Europäer und Amerikaner zwar nach wie vor die größten Abnehmer, aber am […]

Ihre Meinung zu diesem Beitrag?

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s