Die abenteuerliche Reise ins Beschaffungsland

Die Ankunft: Harte Realität

Dienstag, 29. Mai 2012, 23:18 Uhr Ortszeit. Rainer Müller tritt aus dem Flughafenterminal und weiß nicht, wohin er sich wenden soll. Bei 28 Grad Celsius Lufttemperatur und strömendem Regen bricht ihm sofort der Schweiß aus. Warum tut er sich das nur an? Seit Jahrzehnten fliegt er regelmäßig zum Einkaufen nach China. Zuerst war es Hongkong. Das war noch der pure Luxus: damals, der Anflug über die Stadt zum alten Flughafen – was für ein Ausblick. Ein Chauffeur brachte ihn zum Peninsula Hotel, in dem er sich zuerst einmal einen Tag von seinem Flug erholen konnte. Die folgenden Abende verbrachte er auf dem Peak, in der „Felix Bar“ oder in einem der zahllosen Restaurants. Irgendeiner seiner Lieferanten hatte ihn immer eingeladen. Dann folgten – viele Jahre später – die Reisen nach Shanghai und Ningbo. Der Maglev, gebaut mittels deutscher Magnetschwebebahn-Technologie – hatte ihn zuletzt immer komfortabel, staufrei und voll klimatisiert in die Stadt gebracht.

Die Reisen nach Bangladesch waren schon weniger schön: Die Armut war offensichtlich, aber immerhin wurde er vom Fahrer seines wichtigsten Produzenten am Flughafen abgeholt und ins beste Hotel von Dhaka gebracht. Schlimm war nur die Korruption. Er selber durfte dieses „Hilfsmittel“ aus Compliance-Gründen nicht nutzen. Zum Glück hatte er seine Agenten – die handelten nach dem Motto „Wir machen den Weg frei.“, wobei sie sich ihre Dienstleistung immer teuer bezahlen ließen.

Heute Nacht ist alles anders. Niemand holt Rainer Müller ab. Er steht am Flughafen, das Terminal hinter ihm ist hell erleuchtet und er starrt ins Zwielicht. Alles erinnert ihn ein wenig an Indien – nur noch ein bisschen chaotischer. Ein Stückchen weiter sieht er Taxis stehen. In diese Richtung läuft er nun, kurz darauf trifft er eine Gruppe Männer. Einer spricht ihn direkt an: „Taxi? Very cheap.“ Froh, einige englische Worte zu hören, steigt er in das Taxi ein. „Yangon City, Pansea Hotel. Understand?“ Der Fahrer dreht sich zu ihm um und schaut ihn verständnislos an. Offenbar versteht er ihn nicht. Das hat ihm gerade noch gefehlt. Langsam geht ihm der Trip auf die Nerven. Es ist beinahe Mitternacht und der Fahrer versteht nicht mal das einfachste Englisch. Und das, wo er selber doch auch noch immer mit der Sprache hadert. Ihm graut schon vor den Gesprächen mit seinen potenziellen Geschäftspartnern. Für diese Reise hat er keinen Dolmetscher finden können. Eigentlich müssen seine Geschäftspartner doch Deutsch lernen, wenn er schon das Geld ins Land bringt, oder?

Zum Glück findet er in der Seitentasche seines Trolleys die Hotelbuchung. Auf ihr steht auch die Hoteladresse. Wortlos reicht er sie dem Fahrer und los geht es. Von der Fahrt bekommt Rainer Müller nicht viel mit. Immer wieder fallen ihm die Augen zu; der Flug war lang und auch im Taxi ist es schwül-warm. Er merkt nur, wie die Anzahl der Bettler, Tuk-Tuks, Rikschas und Autos um ihn herum immer weiter zunimmt. Eine dreiviertel Stunde später kommt er im Hotel an. Dem Fahrer drückt er noch ein Trinkgeld in US-Dollar in die Hand – schließlich hat sich Rainer Müller gut auf die Reise vorbereitet. Im Hotel checkt er schnell ein, lässt sich die Koffer ins Zimmer tragen und gegen 1:30 Uhr nachts fällt er ins Bett.

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Die erste Nacht: Alles nur geträumt?

Beim Einschlafen drehen sich seine letzten Gedanken um die Frage, was ihn morgen wohl erwarten wird. Immerhin ist es seine erste Reise nach Myanmar. Seine Vorgesetzten haben hohe Erwartungen: Myanmar ist arm (das bereinigte GDP liegt bei nur 1.300 USD, hat sein Chef gesagt, weniger als Bangladesch), hat 54 Mio. Einwohner, die arbeiten wollen und müssen. Und dank der Oppositionsführerin Aung San Suu Kyi öffnet sich das Land gerade dem Westen. Ohne sie wäre es weiterhin abgeschottet, und er müsste nicht hier sein. Sein Chef ist aber sicher, dass Myanmar das neue Einkaufsparadies für Bekleidung werden muss. Deshalb hat Rainer Müller die Termine für die Sourcing-Besuche gemacht, allerdings mit ihm noch völlig unbekannten Menschen.

Er träumt von den vielen neuen Dingen, die ihn am nächsten Tag erwarten könnten: Was für Menschen werde ich treffen? Werde ich sie verstehen? Und kann ich ihnen klar machen, warum die T-Shirts verwaschen aussehen müssen, die Nähte aber trotzdem gerade sein sollen? Außerdem hat er die Aufgabe bekommen, alle Lieferanten auf eine flexible Ordermenge umzustellen: +/- 20% sollen alle Lieferanten bis 10 Wochen vor der Verschiffung flexibel bleiben. Ob er das bei den neuen Lieferanten verhandeln kann?

Dass Rainer Müller seine Ansprechpartner nicht persönlich kennt, ist das eine Problem. Das andere ist die Logistik: Für den Versand müssen Sendungsnummern online beantragt werden – ob es in den Fabriken einen Internetzugang gibt? Hoffentlich ja, sonst funktioniert das ganze Konzept nicht. Dann bekommt er eine schlechte Beurteilung in der Lieferantenbewertung und muss sich für die neuen Lieferanten rechtfertigen. Ganz zu schweigen von der elektronischen Anmeldung für die Inline- und Final-Inspection. Aber eigentlich ist das auch egal. Wie die Qualitätskontrollen in Myanmar funktionieren sollen, darüber hat er sich noch keine Gedanken gemacht. Rainer Müller selbst kennt keine Techniker vor Ort. Auch seine Einkaufskollegen bei anderen Händlern haben nur mit dem Kopf geschüttelt, als er sie nach Technikern in Myanmar gefragt hat.

Und dann träumt er sich auch gleich ins nächste Thema: „Sozialstandards haben oberste Priorität bei uns.“, hatte sein Chef ihm noch mit auf den Weg gegeben. Wie wird es wohl aussehen in den Fabriken? Ist der Arbeitsschutz sichergestellt? Wird es Kinderarbeit geben? Und was ist mit der Einhaltung von Mindestlöhnen? Irgendwo hat er gelesen, dass der Mindestlohn auf 1,70 USD angehoben wurde – pro Tag. Bei 44 Stunden pro Woche und maximal 22 Überstunden. Tagelöhner bekommen davon nur ein Drittel. Hoffentlich gibt das keinen Ärger, wenn diese Konditionen an die Öffentlichkeit gelangen. Aber was hat er noch für eine Chance? Sein Bonus hängt vom Rohertrag ab. Den soll er wieder steigern. Und das, obwohl die Löhne in China doch wieder um fast 20% gestiegen sind. Er muss einfach nach Myanmar und erste Test-Orders platzieren. Auch wenn das alles neu ist und ihn irgendwie aufregt: Myanmar ist die Chance auf höheren Rohertrag für die Firma und Bonus für ihn selbst. Dann kann er sich endlich wieder einen schönen Urlaub leisten. Vielleicht in Thailand? Oder auf Bali, wie vor zwei Jahren? Langsam gewinnen die angenehmen Gedanken Überhand und er verbringt noch einige erholsame Stunden, bis ihn der Wecker am Morgen wieder in sein Hotelzimmer in Rangun, Myanmar, zurückholt.

Der letzte Abend: Die Geburt eines neuen Beschaffungslandes?

Vier Tage später, es ist Samstagabend, 21:03 Uhr. Rainer Müller sitzt im Hotel, im letzten Meeting mit einem letzten möglichen Lieferanten. Die vergangenen Tage waren anstrengend. Seit seiner Ankunft in Rangun hat Rainer Müller täglich zwei Fabriken besucht – am Freitag waren es sogar drei, denn zwei Fabriken lagen nur 45 Autominuten auseinander. Sicher hätte der Fahrer die Strecke auch schneller geschafft, aber die Ochsenkarren haben immer wieder den Verkehr gebremst. Obwohl sein Gegenüber seine Fabrik, die Produkte, die Qualität und die Preise in den höchsten Tönen lobt, merkt Rainer Müller, wie seine Gedanken abschweifen und zu dem Erlebten zurückkehren: Die Reise war schon interessant. Von den neun besuchten Fabriken scheinen vier als mögliche Produzenten in Frage zu kommen. Klar, ein wenig müssen sie noch machen: Der eine hatte seine Qualitätskontrolle noch nicht optimal eingerichtet, aber die Produktion sah schon sehr viel versprechend aus. Bei einem anderen war ihm schon aufgefallen, dass die Feuerlöscher nicht in den vorgesehenen Halterungen hingen, aber das ist ja ein relativ kleines Übel und schnell zu lösen. Na ja, und ein anderer hatte noch Probleme mit dem Internet. Die Verbindung war noch sehr langsam, aber dort soll in den nächsten Wochen eine moderne Leitung verlegt werden. Das muss schon sein, denn sonst lassen sich die erforderlichen PDM Daten nur schlecht übermitteln und auch das Melden der Statusberichte mittels der Supply Chain Software würde schwierig. Vor sich sieht er wieder die Arbeiterinnen in den Fabriken an den Nähmaschinen sitzen. Eigentlich sah es doch fast so aus wie früher in China. Hatte er vor der Reise wirklich Angst, hierher zu kommen? Wie aus der Ferne hört er sein Gegenüber sprechen: „ … offer you good quality and best price. I know price from China. It cost much more …“ Ja, denkt Rainer Müller, da hat er Recht. Die Preise sind wirklich phänomenal. Und auch noch unverhandelt. Im Kopf rechnet er schon mal seine Marge hoch. Wenn es ihm im kommenden Jahr gelingt, 10% seines EK-Volumens in Myanmar zu platzieren, müsste er sein Bonusziel schaffen. Das Volumen könnte er auf drei Lieferanten verteilen, da wäre auch das Risiko nicht zu groß. Ja, das könnte gehen. Vielleicht erlebe ich ja hier die Entwicklung eines neuen Sourcing-Landes – und wie damals in China bin ich nun auch wieder ganz früh mit dabei. Dieser Gedanke gefällt ihm und ein leises Lächeln huscht über sein Gesicht. „Yes, yes“, hört er sich sagen, „you have good quality – but price too expensive. You must make good offer for me. Price must be 15 Cent cheaper for basic T-shirt.” Etwas herausfordernd sieht er sein Gegenüber an und weiß, dass er zur richtigen Zeit am richtigen Ort ist. Rainer Müller ist wieder zurück im Sourcing-Geschäft.

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Kategorien: Einkauf, Veränderungs-Mngnt

Autor:Hagen Decker

Corporate Developer at Team Retail Excellence

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