Der Kunde braucht keinen Bohrer

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Ramin Goo kocht gerne. Als er noch Unternehmensberater war, hatte er dazu nicht viel Zeit. Kamen Freunde zum Abendessen, hetzte der junge Berliner nach Feierabend durch den Supermarkt, mit dem Kopf noch halb bei der Arbeit, überfordert von den Regalen voller Lebensmittel. Was braucht man noch mal für sechs Portionen Risotto mit Birnen? Die Suche nach den Zutaten wurde Goo irgendwann zu nervig. Also beschloss er der Quälerei ein Ende zu setzen. Er kündigte seinen Job bei McKinsey und eröffnete mit Freunden einen Lebensmittelladen – der eigentlich gar kein Lebensmittelladen ist.

„Ein begehbares Rezeptbuch“ nennt Goo sein Geschäft. Denn im Kochhaus geht es nicht um einzelne Produkte. Es geht darum, was der Kunde eigentlich will: etwas Leckeres und Gesundes kochen. Etwas ausprobieren. Vielleicht auch jemanden mit einem exotischen Gericht beeindrucken. Oder mit einer selbstgemachten Crème brûlée. Jedenfalls geht es um mehr als nur Sahne, Zucker und Eier.

Im Kochhaus finden Hobbyköche – hübsch auf Tischen arrangiert – die einzelnen Zutaten für 20 verschiedene Gerichte. Eine kleine Portion Reis, ein daumengroßes Stück Parmesan, eine Hand voll Pilze usw. ergeben beispielsweise Risotto für eine Person – so erklärt es anschaulich die bebilderte Tafel darüber und die entsprechende Rezeptkarte zum Mitnehmen. Wer einen Gast bekocht, nimmt alles zwei Mal. Ist und isst man zu dritt, dann drei Mal. Der passende Wein steht auch dabei und sollten bestimmte Küchenutensilien unverzichtbar sein – z.B. der Bunsenbrenner für die Crème Brûlée – ist auch der vorrätig.

Gezahlt wird nur, was man auch wirklich braucht. Also eine einzelne Gewürznelke für 15 Cent anstatt eine Tüte voll für 1,50 Euro. Die einzelne Nelke ist dadurch zwar teurer, aber der Service macht das Leben leichter. Wer bei Ramin Goo einkauft, hat den Kopf frei für das, was er eigentlich tun will: sich selbst oder jemanden anderes mit einem guten Essen eine Freude machen.

Goos Ladenkonzept ist für die Lebensmittelbranche revolutionär. Dabei hat er eigentlich nichts bahnbrechend Neues gemacht. Seinen Laden hat er getreu dem altbekannten Motto gestaltet: „Der Kunde braucht keinen Bohrer, der Kunde braucht ein Loch in der Wand.“

Erstaunlich, wie selten heute noch immer das Denken aus der Kundenperspektive umgesetzt wird. Ob Modekaufhaus, Baumarkt oder Lebensmittelgeschäft. Die meisten Läden bieten weiterhin Produkte statt Lösungen. Wer ins Kaufhaus geht, findet hier die Hosen-Ecke, da die Hemden, ganz hinten die Pullover und im oberen Stockwerk die Schuhe. Dabei will der Kunde „gut aussehen, um das Date zu beeindrucken“. Oder er sucht „etwas Modernes und Schickes fürs Büro“.

Wir möchten wetten, dass Ramin Goo sich von einigen Leuten anhören musste, seine Idee könne nicht funktionieren. Aber sie funktioniert. So gut, dass er bereits zwei Kochhäuser in Berlin und vier in Hamburg eröffnet hat und, auch über Franchise-Partner, weiter expandieren will

Die Autoren Anja Förster und Peter Kreuz sind Keynotespeaker und Buchautoren. Dieser Beitrag stammt dankenswerterweise aus ihrem Blog und wurde mit Genehmigung der Autoren in der retail intrapreneur No. 3 abgedruckt.

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Kategorien: Strategie

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