Ist die Berliner Retail-Szene noch authentisch?

Aus dieser Frage und der anschließenden, leidenschaftlichen Diskussion unserer Kollegen Alexander von Keyserlingk und Oliver Schlömann entstand zu später Stunde dieser letzte Beitrag unserer kleinen Serie zur Berliner Handelslandschaft:

JA!

(Alexander von Keyserlingk, ein Berliner)

Keine andere Stadt in Deutschland bietet eine vergleichbare Vielfalt und Dynamik im Einzelhandel wie Berlin. Das ist nicht allein der Größe oder dem Hauptstadtbonus geschuldet, sondern der Berlin-typischen Subkultur-Tradition. Gemeint sind nicht die bemüht aufgepimpten Flagships der immergleichen Monobrands, nicht die pseudoavantgardistischen High Fashion-Versuche der Kommerzialisten á la Fashionation. Von denen kann man nichts lernen.

Lernen können wir von jenen Mutigen, die sich nicht auf die überteuerten High Streets einlassen. Die kreative Karawane zieht weiter in Berlin und mit ihnen ihre Läden, spätestens wenn am schäbigen Plattenbau in Mitte ein erstes Luxusmaklerschild zur Anmietung auffordert. Denn das ist paradox, ist nicht Berlin.

Neukölln, Wedding, Schöneberg und natürlich Kreuzberg sind wieder da. Alles Western Germany, nachdem die Wessis den Ostteil der Stadt besetzt halten. Im Prenzlauer Berg und Friedrichshain gibt es bestimmt mehr Schwaben als in Ulm. Bloß weg, hier passiert nichts mehr, außer verlagertes Provinzleben.

Andreas Murkudis zieht von der totgehypten Münzstrasse in Mitte in ein Hinterhof-Loft im Schöneberger Rotlichtkiez – kein Schild draussen, er will seine Ruhe haben und ihn stört Woolworth in Sichtweite nicht. Fiona Bennett folgt und Ave Maria nebenan bekommt plötzlich und verdient Kultstatus. Das Kochhaus gründet sich in Schöneberg, nicht etwa in Mitte.

Kreuzberg hat nur noch ein paar Jahre, bevor Zara und Fielmann in der Oranienstraße eröffnen werden. Bis dahin sind Voo und Pastpresent hier im Bezirk versteckt und werden vom XXX-Concept-Store buchstäblich noch getoppt, dieser nicht nur im Hof sondern auch noch im 3. Stock. Wer möchte, kann hier auch übernachten. Um die Ecke am Moritzplatz schafft Planet Modulor ein Mekka für Kreative, mit ideellem und konkretem Anschluss an die lokale Community, Seminaren, Workshops, Initiativen. Weil guter Retail vor allem Kommunikation ist, nicht Fassade. Zumindest in Berlin.

In Berlin machen sogar die traditionellen, inhabergeführten Läden weiter, statt sich zurück zu ziehen. Weil sie wissen, daß es sie braucht und weil sie ihre Berechtigung haben. Korsett Engelke, Hamann Schokoladen, Knopf Paul und viele mehr sind die Vorreiter für jene unzähligen, kleinen Händler in nahezu jeder Berliner Straße. Wo andernorts in Deutschlands Wohngebieten bestenfalls farblose Nahversorger dominieren, wird in den Stadtteilen der Hauptstadt mit der Kultur gespielt.

Ob das dann wirtschaftlich immer so funktioniert? Wer an Retail Spaß hat und die richtige Idee hat, wird überleben. Mut zahlt sich aus, in Berlin fast überall und vor allem jenseits der High Streets. Das macht den authentischen Unterschied.

NEIN!

(Oliver Schlömann, kein Berliner)

„Berlin ist arm aber sexy.“ Dieses Image pflegen nicht nur Berliner Party-Politiker, sondern auch die Retail-Community zelebriert die Berliner Handelslandschaft. Regelmäßig pilgert der „Advanced Shopping Experte“ durch die Stadt auf der Suche nach „echten“ Retail-Innovationen. Weit abseits des Mainstreams finden sich coole Concept Stores, eine Crossover-Kultur zwischen Kunst, Kitsch und Kommerz.

Und auch ich war anfangs unserer Retail-Rally durch Berlin wie euphorisiert: Endlich mal etwas anderes als der Einheitsbrei der meisten anderen deutschen Innenstädte. Vor allen Dingen bewundere ich den Mut vieler Inhaber und Entrepreneure, die sich einen Traum verwirklichen, ohne vermutlich eine echte Chance auf’s Reichwerden zu haben.

Darum geht es auch nicht und genau davor habe ich auch großen Respekt. Solche Läden gibt es in Berlin viele, vielleicht auch überdurchschnittlich viele. Aber darauf hat Berlin kein Monopol. Kleine, feine inhabergeführte Konzepte, die überraschende Sortimente in unkonventionellen Locations anbieten, gibt es genauso in Köln, Frankfurt oder in Münster und Freiburg. Nur wird das nicht so ge-hyped.

Natürlich finden sich rund um die Hackeschen Höfe ganz außergewöhnliche Konzepte. Bekannte Marken mal in ganz anderer Umgebung: Camper, Telekom, All Saints. Doch wie authentisch ist es eigentlich, wenn man partout authentisch sein will? Der adidas Store No. 74 ist innen – streng genommen –  ein Laden wie jeder andere auch. Gut, man stellt hier noch eine Leiter samt Farbeimer mitten in den Store. Soll wohl suggerieren „hier wird gearbeitet, alles noch raw“ – ist es aber nicht wirklich: Es ist inszeniert. Wäre ich Punk, so würde ich den „authentischen“ Graffiti-Eingang ganz akkurat weiß streichen. :J

Ein bisschen kommt mir das Hackesche Viertel vor wie ein gut gemachter Themen-Freizeit-Park: Es ist gut gemacht, bis ins Detail nachempfunden, die historische DDR-Bausubstanz ermöglicht es. Innenarchitekten und Ladenbauer können sich endlich mal verwirklichen. Auf Betriebswirtschaft kommt es hier oft nicht an. Wäre ja auch nicht cool. Aber gerade das gewollt anders sein, vor allem der Ketten, wirkt für mich gerade deshalb unecht. Jeder will zeigen wie avantgardistisch seine Marke, sein Konzept doch ist. Die Einkäufer-Welt verstärkt das noch. 2x jährlich zur Fashion Week und B&B, sowie auf unzähligen Store-Check-Reisen machen vermutlich hunderte von Einkäufern immer die gleiche Tour.

Ja, Berlin macht jung, für 24 Stunden mal in die Szene eintauchen und teilhaben wollen am „Arm aber sexy-Image“ und in Loft-Atmosphäre an rohem Stahl und unverputzten Backsteinwänden T-Shirts kaufen. Dann aber wieder schnell zurück nach Essen, Lübeck oder Rosenheim und die Esprit-Kollektion ordern oder – ganz verwegen – sich Gedanken zu einem Napapijri-Shop machen. Vielleicht ist auch deswegen Andreas Murkudis jetzt da wo er ist. In scheinbar aussichtsloser Lage, ohne Werbung – Kalkül oder Coolness? Na ja, die Retail Community wird eh kommen, auch wenn er in einem alten U-Bahn-Schacht Quartier bezieht.

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Kategorien: Intrapreneurship

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  1. Kurz vor 9: Neckermann, Zalando, Kleiderkreisel, Arvato, Nonabox, Kochzauber, Sanicare, Xing, SEO, Amazon, | etailment - 27. September 2012

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