EU-Sourcing-Trends 2011: Verfolger, ewige Hoffnungsträger und ein Licht am Ende des Tunnels (Teil 2/2)

Die Bekleidungsimporte in die EU sind 2011 deutlich gestiegen, die Verlagerung der textilen Beschaffung in das nicht-europäische Ausland hat sich beschleunigt. Aber wer sind denn nun die Verfolger? Wer holt besonders schnell auf?

Grafik 1: Top Import-Länder in die EU 2011, Cat. 61 & 62, Mrd. EUR

Ein Dauerbrenner: die Türkei

Die Türkei ist gesamt betrachtet noch der zweitstärkste Beschaffungsmarkt der EU-(Groß-) Händler für Bekleidung. Allerdings sehen wir auch hier mit 4,1% lediglich die halbe Wachstumsdynamik und daher auch einen Rückgang des Importanteils um 0,4 Prozent-punkte auf 10,9% ggü. 2010. Im Wirkbereich steht lediglich noch ein knappes Plus von 3%. Vermutlich wird Bangladesch hier 2012 an der Türkei vorbeiziehen. Dennoch ist es erstaunlich, wie stabil letztlich die Türkei sich in den letzten acht Jahren gehalten hat. Für viele Modehändler und Marken hat die Türkei – richtig genutzt – oft einen Anteil von 15-25 %. Der macht Sinn, wenn Preislagen, Modegrad und Lead Times im Rahmen der Beschaffung richtig genutzt werden.

Die Gewinner: Bangladesch, Vietnam, Pakistan, Kambodscha

Der Gewinner des Jahres 2011 heißt Bangladesch: Insgesamt erhöhte sich die Beschaffung um 28% von 5,7 auf 7,4 Mrd. €. 30% des gesamten EU-Zuwachses 2011 entfielen somit auf Bangladesch. Der Importanteil stieg um 1,6 Prozentpunkte auf 10,1%. Die Webartikel, eigentlich die etwas schwächere Kompetenz von Bangladesch, wuchs dabei mit fast 40% noch dynamischer.

Grafik 2: Übersicht Entwicklung asiatische Verfolger-Länder bei Import in die EU 2011 vs 2010 und CAGR 2006-2010, Cat. 61 & 62, Basis Wert

Unserer Schätzung nach wurden ca. 600 Mio. € Beschaffungswert von China nach Bangladesch verlagert. Die Fabriken arbeiten am Anschlag, jeder Fabrikant investiert in neue Nähmaschinen. Doch die geopolitischen und sozialen Risiken bleiben hoch. Da ist es kein Wunder, dass diese Entwicklung vielen Einkaufsverantwortlichen in Europa nicht recht ist. Für viele Händler war 2010/11 Bangladesch eine unvermeidbare Konsequenz, um kurzfristig bei der Marge nicht ganz aus der Kurve zu fliegen. „Don’t put all eggs in one basket.“ gilt insbesondere für Bangladesch. Wer hier mit mehr als 30% seiner Beschaffung je Warengruppe abwickelt, schläft oft schlecht. Manche Händler begrenzen ganz bewusst den Bangladesch-Anteil und zwingen sich, trotz Margennachteilen andere Märkte zu entwickeln. Wer es sich leisten kann, macht oft einen Bogen um das Land, das auch aufgrund der hohen Korruption immer noch schwer zu bearbeiten ist. Für viele Händler sprechen auch Compliance-Aspekte gegen eine weiter steigende Bedeutung. Gerade durch Produktions-Peaks kann die Einhaltung von Arbeitsbedingungen nochmals erschwert werden. Wir erwarten daher für das laufende Jahr auch eine Gegenbewegung, vermutlich wird einiges des hastig verlagerten Volumens doch wieder nach China zurückkommen.

Vietnam konnte 2011 seine Bekleidungseinfuhren in die EU deutlich steigern: um über 310 Mio. € (23%). Die Beschaffung in Vietnam ist auch immer vor dem Hintergrund der US-Importe zu sehen. US-Firmen nutzen diesen Markt traditionell deutlich stärker, das beeinflusst so auch die Strukturen und Rahmenbedingungen für Europäer. Die EU beschafft lediglich 2,3% aus Vietnam, die Amerikaner jedoch 8,6%. Damit ist Vietnam für die US-Firmen die Nummer Zwei nach China. EU-Händler und -Marken, die mit größeren Losgrößen klarkommen und auch nicht den billigsten Preis suchen, sind oft sehr zufrieden und wollen die Beschaffung ausbauen. Vor allem bei Webware und konfektionierten Warengruppen, die 75% der Importe der EU ausmachen.

Pakistan hat insgesamt seine Bekleidungsexporte in die EU um 25% gesteigert. Damit hat Pakistan 2011 erstmals den Wert von 2004, als de facto noch Quota-Effekte positiv wirkten, übertroffen. Trotz niedrigster Löhne, eigener Baumwollverarbeitung und z.T. Top-Unternehmen begrenzen die politischen Risiken ein echtes Durchstarten. Ein Beschaffungsmanager: „Ich kann es nicht vertreten, dass meine Leute da hinfliegen.“ Doch wo kommt das Wachstum her? Natürlich zum einen über Agenten, die jetzt verstärkt nach Europa zum Kunden reisen. Weiterhin: Direktgeschäft mit den wenigen, aber unstrittig auf hohem Niveau arbeitenden vollstufigen Unternehmen. Die Unternehmen, die derzeit im Markt sind, können sich über einen kleinen Wettbewerbsvorteil freuen. Die partielle Quotenfreigabe 2011 kann sich zusätzlich positiv auswirken, wobei Experten bemängeln, dass die wirklich relevanten Kategorien ausgenommen sind.

Kambodscha ist ebenfalls ein deutlicher Profiteur der Entwicklung 2011. Fast 50% Wachstum innerhalb von einem Jahr. Der Kernbereich Wirk & Strick, der über 80% ausmacht, wuchs um 40% und ist jetzt bereits das fünftgrößte Bezugsland für die EU. Noch rasanter wuchs die Webware mit 84%. Auf noch kleiner Basis sind hier in kürzester Zeit Produktionskapazitäten (re-)aktiviert worden. Bereits in Vorquoten-Zeiten war Kambodscha ein beliebter Off-Shore-Markt Chinas und wurde flexibel auf- und abgebaut. Doch bei sich weiter verändernden Rahmenbedingungen in China wird dieser Markt sich vermutlich langfristig etablieren können. Viele Einkaufsverantwortliche halten Kambodscha für einfacher zu bearbeiten als Bangladesch. Für südchinesische Fabrikanten ist es womöglich leichter, die Produktion nach Kambodscha zu verlagern, als 1000 km in die eigene Landesmitte über Provinzgrenzen und Beziehungsnetze hinweg.

Die ewigen Hoffnungsträger: Indien und Indonesien

Indien, als oft hoch gehandelte Beschaffungsalternative zu China, konnte zwar mit 9% leicht überdurchschnittlich zulegen, profitiert aber nicht wirklich von den Verlagerungen und Entwicklungen in China. Seit vielen Jahren stagniert der Importanteil bei ca. 6%. Der Webbereich entwickelte sich etwas dynamischer als Wirk/Strick mit einem Plus von 11% bzw. einem Wachstum um 250 Mio. €. Vieles könnte eigentlich für Indien als Beschaffungsland für Europa sprechen: gut ausgebaute textile Vorstufen und modisches Know-How, großes Arbeitskräftepotenzial, der Markt ist etliche Tage kurzfristiger als Fernost, die Losgrößen insgesamt niedriger und die Amerikaner weniger aktiv vertreten. Dennoch: Es sind immer wieder die Mentalität, die Infrastruktur, die Verlässlichkeit, die Compliance-Risiken, die viele Manager anführen, warum Indien letztlich nicht sein gesamtes Potenzial ausschöpft. Dadurch werden es auch zukünftig eher die jeweiligen Modetrends sein, die das Beschaffungsverhalten beeinflussen. Die indische Regierung bemüht sich um nachhaltige Verbesserungen der Branchenstruktur und schreckte auch vor Restriktionen im Baumwollhandel nicht zurück, gleichzeitig wurden hohe Umweltauflagen, gerade für Vorstufen, erhoben. Die Verhandlungen mit der EU über evtl. Zollpräferenzen sind zwar zäh, es gibt aber verstärkt Indizien, dass Indien nach der partiellen Zollfreiheit für Pakistan jetzt auch diese Vorteile für die heimische Bekleidungsindustrie erschließen möchte.

Grafik 3: Wachstumsdynamik Indonesien und Indien bei Import in die EU, Cat. 61 & 62, Mio. EUR

Indonesien: Das nach China und Indien bevölkerungsreichste Land Asiens – auch deutlicher Gewinner bei den amerikanischen Bekleidungseinfuhren und deren dritter wichtigster Beschaffungsmarkt – verzeichnete 2011 mit 14% erstmals wieder ein überdurchschnittliches Wachstum, getrieben vor allem aus dem Webbereich, der mit 21% deutlich anstieg. Dennoch erfüllen sich manche Erwartungen seit Jahren nicht, die in Indonesien eine dauerhafte Alternative zu China, wie vor der Quotenöffnung, sehen. Indonesien ist ein klassisches Textilland mit sehr guter textiler Infrastruktur, großen vollstufigen Betrieben und vor allem immer noch recht günstigen Kosten, gerade für Jacken und für Warengruppen mit Mischgeweben und künstlichen Fasern. Tendenziell gilt: Wer heute schon erfolgreich aus Indonesien beschafft, ist zumeist sehr zufrieden, andere finden dann doch bessere Alternativen, in China oder oft sogar in der Türkei.

Ein Licht am Ende des Tunnels: Myanmar und Äthiopien

Myanmar 2012: Die Pressemitteilungen überschlagen sich fast, die Hotels in Rangoon sind ausgebucht, die Öffnung Myanmars nahezu vollzogen. Selten ist ein Land so schnell vom „banned country“ in die Weltgemeinschaft zurückgekehrt. Alles steht jedoch auf wackeligen Beinen bzw. hängt an der Person von Aung San Suu Kyi. Etliche Händler und Hersteller, vor allem chinesische, südkoreanische und taiwanesische Fabrikanten und Trader, sitzen nach dem de facto Wegfall der Handelsbeschränkungen in den Startlöchern. 2011 ist der Einfuhrwert jedoch nochmals um 2% gesunken und liegt bei ca. einem Drittel von 2004. „Early mover“ und Beschaffungsstrategen sollten sich jetzt bereits aktiv umsehen, andere können sich vielleicht noch ein bis zwei Jahre geben, bis die Rallye wirklich losgeht und die Strukturen klarer sind. Denn: Hier öffnet sich dann ein 50-Millionen-Einwohner-Markt, der über ein großes Arbeitskräftepotenzial verfügt, wohl auf sehr niedrigem Kostenniveau. Wenn dann noch die Compliance-Themen sichergestellt sind, sind das in der Regel die besten Bedingungen für das Sourcing von Bekleidung.

Grafik 4: Wachstumsdynamik Äthiopien und Myanmar bei Import in die EU, Cat. 61 & 62, Mio. EUR

Äthiopien. Den größten relativen Sprung machte ein afrikanisches Land: Äthiopien verzeichnete 2011 ein Wachstum um >400%, natürlich auf einer sehr niedrigen Basis. 2006 waren es 400.000 €, kaum eine Handvoll Order aus Europa, 2010 waren es 3,5 Mio. € (und damit die Nummer 175 der Lieferländer der EU), 2011 sind es 20 Mio. €, davon 19 Mio. € Wirk/Strick. Viele können diese Werte derzeit noch nicht als ernsthaftes Signal werten, dass hier ein neuer Markt entsteht, und verstehen es als Entwicklungshilfe durch GIZ-geförderte Projekte. Wir wollen auch an dieser Stelle kein Plädoyer für einen so ungewissen Markt halten. Wer jedoch etwas visionärer und langfristiger Beschaffungsmärkte betrachtet, kann durchaus First-Mover-Potenziale identifizieren. Lohnkosten, die nochmals deutlich unter denen von Bangladesch liegen, kompensieren die i.d.R. schlechte Produktivität. Theoretisch steht lokale Baumwolle zur Verfügung, die verarbeitenden Vorstufen fehlen aber weitgehend noch. Die Transportzeiten können bei entsprechender Infrastruktur schneller und günstiger sein. Wer in der Lage ist, Produktion und Lieferanten zu managen, Geduld mitbringt und sich die so geschaffenen Vorteile absichern kann, kann zumindest für einfache Warengruppen für einige Jahre Beschaffungsvorteile sichern.

Fazit und Ausblick

Aus Beschaffungssicht war 2011 ein hoch interessantes Jahr. Einige Entwicklungen – wie die Verlagerung der Beschaffung in das nicht-europäische Ausland – haben sich beschleunigt. Andere Tendenzen – wie die zunehmende Dominanz Chinas – haben sich umgekehrt oder abgeschwächt. Einige ganz neue Beschaffungsländer tauchen auf und zeigen vielversprechende Tendenzen. Es ist durchaus möglich, dass wir gerade an einem erneuten Wendepunkt der textilen Beschaffung stehen. Vielleicht zieht, wie so oft in der Vergangenheit, die Karawane weiter und sucht neue Beschaffungsländer. Die Zukunft wird zeigen, welche Märkte sich in den kommenden Jahren durchsetzen werden. Auf jeden Fall bleibt es spannend!

Außerdem erschienen:
Teil 1 – EU-Sourcing-Trends 2011: Chine verliert Marktanteile an seiner Verfolger (1/2)

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Kategorien: Intrapreneurship

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