Global Sourcing: US-Bekleidungsimporte 2011

US Bekleidungsimporte 2011 – schlägt Nicaragua Chinas Sourcing-Power?

Nein, ganz soweit ist es dann doch nicht gekommen. China führt die US-Importstatistik beim Sourcing für Bekleidung mit über 29 Mrd. US$ weiterhin mit Abstand an. Übrigens 22x so viel wie das erwähnte kleine lateinamerikanische Land, doch dazu später mehr. Dennoch, die gerade veröffentlichten Zahlen lassen aufhorchen. China legt nach einer bislang endlos erscheinenden Wachstumsperiode eine Atempause ein und verzeichnet 2011 erstmalig einen Rückgang des Beschaffungsanteils.

Sind wir Zeuge eines Wendepunktes und Trendbruchs im Sourcing, den amerikanische Händler und Marken einleiteten? Werden sich die z.T. massiven Preissteigerungen, gerade aus China, im Einkaufsverhalten langfristig widerspiegeln? Werden neue Beschaffungsmärkte aufgebaut oder Alte reaktiviert?

„China rules“

–       2011 sind die gesamten Bekleidungsimporte in die USA um 8,8 % wertmäßig angestiegen, nach noch 13 % im Vorjahr

–       Erstmalig seit 10 Jahren trugen dabei die chinesischen Importe unterdurchschnittlich, mit lediglich 5,1 % Zuwachs bei, nach noch fast 20 % im Vorjahr

–       Der Anteil Chinas sank somit von 39,2 % auf 37,8 % aller US Importe von Bekleidung

Die seit Jahren steigenden Mindestlöhne von über 10% p.a., die Abkehr von intensiver Nutzung von Wanderarbeit und die Abwanderung in attraktivere Branchen können durch Produktivitätssteigerungen nicht mehr vollständig kompensiert werden. Aber wenn man sich aber die Gesamtzahlen und Struktur der Importe anschaut, relativiert es sich schnell wieder:

–       Der Beschaffungsanteil Chinas liegt 2011 immer noch höher als 2009, 2010 war ein „all-time-high“

–       Der Anstieg chinesischer US-Importe bedeutet immer noch einen Zuwachs 1,4 Mrd. US$

–       22% des Wachstums entfallen somit immer noch auf China. Doppelt so viel wie auf Vietnam als Nr. 2 der Top-Lieferländer

China wird aus unserer Sicht, noch auf absehbare Zeit der unangefochtene Top-Player bleiben, selbst bei anhaltender schwächerer Dynamik und struktureller Veränderungen. Dafür ist die Kompetenz zu groß, die Möglichkeiten zur Verlagerung in Asien zu attraktiv, die Anlageinvestitionen – auch in die Vorstufen – zu gewaltig und chinesische Lieferanten und Regierung letztlich zu clever. US- und EU-Firmen müssen sich schlichtweg auf ein gestiegenes Preisniveau für China–Ware einstellen. Anfangspreislagen und Basics sind woanders verlässlich zu beschaffen. Hohe Sourcing-Kompetenz und eine Beschaffungsstrategie ist erforderlich – aus dem Tagesgeschäft entstehen nur selten größere Beschaffungsverlagerungen.

Die (asiatischen) Verfolger:

–       Vietnam, Indonesien und Bangladesch haben 2011 alle deutlich zweistellige Zuwachsraten um 15 % verzeichnet und das im 2. Jahr in Folge

–       Der Anteil der drei Länder stieg daher von 19,6 % 2009 auf jetzt 20,9 %

–       Indien verzeichnet mit 6,6 % ein unterdurchschnittliches Wachstum und macht nur noch 4,3 % der US-Einfuhren aus

–       Kambodscha (+17 %) und Pakistan (+ 11 %) gewinnen an Bedeutung, machen aber dennoch nur 10 % des China-Wertes aus

Sehr spannend und mit womöglich gravierenden Auswirkungen für die EU-Händler, ist die Entwicklung in Bangladesch. Denn wenn durch den Wegfall der Einfuhrzölle in die USA eine Preisverbesserung von ca. 10% entsteht, kann es zu einem verstärkten Kampf um knappe Kapazitäten kommen. Für EU-Firmen mit i.d.R. kleineren Losgrößen, ein nicht zu unterschätzendes Beschaffungsrisiko. Denn preisliche Alternativen gibt es wenig.

Indien ist nach wie vor ein Markt, der für die US-Firmen im Verhältnis zu EU unterrepräsentiert ist. Europäer sollten daher Indien als potentiellen Wachstumsmarkt betrachten, noch mehr vor dem Hintergrund der in Diskussion befindlichen Einfuhrerleichterungen.

Entwicklung der ehemaligen US-Nähstube:

 –       Latein- und Mittelamerika zeigen insgesamt eine uneinheitliche Entwicklung

–       Mexico als weiterhin noch 5. größter Beschaffungsmarkt, gibt weiterhin Beschaffungsanteile ab, wobei sich eine Verlangsamung zeigt

–       Mit einem Zuwachs von 7,4 % liegt Mexiko erstmals wieder nahezu auf Gesamtmarktniveau

–       Schwächeres Sourcing-Wachstum auch für El Salvador (+6 %), das allerdings 2010 mit 26 % außerordentlich stark zulegen konnte

–       Sehr dynamisch entwickelten sich 2011 Nicaragua und Guatemala, zwei Märkte aus der 2. Reihe

Vor allem Nicaragua konnte 2011 um 1/3 wachsen, im Zwei-Jahres-Vergleich sogar um über 50 %, nun die Nr. 12 der US-Importe, Tendenz steigend. Nicaragua weist das niedrigstes Lohnniveau in der Region aus. Die Nähe zum US-Markt und Zollfreiheit sind die entscheidenden Vorteile für Firmen wie Liz Claiborne, Gap, Wrangler aber auch adidas. Vielleicht ist Nicaragua derzeitig einer der wenigen Märkte für Europäer, für die sich eine Sourcing-Reise lohnen könnte – auch wenn es niemals auch nur annähernd China den Rang ablaufen kann – ein Land mit gerade einmal 5,7 Mio. Einwohnern. Bei einer pro Kopf Betrachtung liegt Nicaragua jedenfalls deutlich vor China: Pro Einwohner werden 238 US$ exportiert, aus China sind es „nur“ 22 US$.

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Kategorien: Einkauf, Intrapreneurship

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