Die Senior Design Factory

Sie arbeiten heute im Product Management und werden planmäßig 2023, mit dann 60 Jahren, in den Ruhestand gehen und 15 Jahre und sieben Weltreisen später das Einstiegsalter als Designer in der Senior Design Factory erreichen. Das wäre eine verrückte Vision, gell? Ja, ist aber schon ziemlich real im Zürich von heute.

Die Geschichte zu diesem Traumjob beginnt 2008: Die Schweizer Designstudenten Debora Biffi und Benjamin Moser feilen an ihrer Diplomarbeit an der Hochschule der Künste in Zürich, wollen ihrem Abschlussprojekt einen gesellschaftlichen Mehrwert geben. Sie finden, quasi vor der Haustür, eine fast vergessene Quelle großer Kompetenz: hochmotivierte Menschen jenseits des 75. Lebensjahres, die längst nicht lebensmüde aber hoffnungslos unterfordert ihre Zeit in Schweizer Altersheimen verleben. Ihr Rat, ihre Erfahrung ist in der Gesellschaft nicht mehr gefragt, Kreativität und Handwerk wird bei den Jungen oder gar nur in Asien gesucht. Attraktive Angebote gibt es nicht für diese vermeintlich träge Masse von rund zwanzig Millionen Menschen allein im deutschsprachigen Raum, deren Zahl sich in der Prognose allein bis 2025 verdoppeln wird.

Die Studenten beginnen mit den Menschen zu sprechen, erkennen das Potenzial, lernen von den Senioren. Und es gibt viel zu lernen: Stricken, nähen, filzen, formen, kochen, backen… vor allen Dingen auch Lebenserfahrung, Weisheiten, traditionelle Werte, Respekt zwischen den Generationen. Die Idee wird geboren, mit den Senioren moderne Produkte zu kreieren und diese zu einer zeitgemäßen Kollektion zu verbinden. Die Jungen übernehmen das professionelle Branding, die PR, das Labeling, die Expansion und Koordination. Die Alten sind Inspiratoren, Designer und Hersteller zugleich, geben Workshops, Interviews, ihre Zeit, Ausdauer und Fröhlichkeit. Sie tun dies zumeist unentgeltlich, stellen ihren Lohn der weiteren Entwicklung des Projekts zur Verfügung.

Eine bedeutungsschwere Visitenkarte mit dem Titel „Senior Designer“ braucht hier keiner, denn man sieht den
mittlerweile 60 Spätkreativen die Erfahrung schlichtweg an. Die Anerkennung für ihre Leistung und der Spaß an der Arbeit sind genug. Aus dieser bunten Mischung entsteht ein europaweit einzigartiges Projekt, das Förderung von Sponsoren und Stiftern erfährt, aber noch viel lieber neue verrückte Projekte sucht.

Da ist z.B. das Projekt „Strick ‚n´ Roll“ aus dem letzten Sommer. Über die Sommerferien verstricken junge Designer und rüstige Seniorinnen 30 Kilo Wolle und ziehen das so entstandene „Strickjäckchen“ einem Smart über. Es entsteht medienwirksam, der wohl größte gestrickte Rollschuh der Welt. Eine tolle PR für die Fabrik und für Smart. Oder: In Zusammenarbeit mit dem Handelsriesen Globus erstellen die Silver Product Manager eine Serie von Fotos, Aquarellen, Zeichnungen, Scherenschnitten, Collagen und Stickereien – und die schönsten Motive werden auf einer limitierten T-Shirt-Kollektion mit vollem Erfolg im Globus Zürich präsentiert.

Es sind kleine und grosse Projekte, die entstehen, stets in Slow-Motion, denn Spaß soll es machen, den Kunden wie den Kreativen. Die Senior Design Factory, namentlich von Andy Warhols New Yorker Factory inspiriert, verortet sich im Frühjahr 2011 im Züricher Kreativquartier, eröffnet ihren ersten kleinen Laden. Dieser ist zugleich Werkstatt und Designlabor, Showroom, Workshop- und Begegnungsstätte für Gleichgesinnte.In den kommenden Wochen soll ein paar Häuser weiter ein Café entstehen, von Senioren und Junioren gemeinsam betrieben. Es soll mehr Platz bieten und zur wirtschaftlichen Unabhängigkeit des unternehmerischen Projekts beitragen.

Und das Projekt widerlegt eindrucksvoll und erfolgreich die Annahme, dass modernes Product Management zwangsläufig effizienzgetrieben und global ausgerichtet sein muss. Andy Warhol übrigens hätte Glück gehabt (er hätte die 75 Jahre Mindestalter schon erreicht), aber Karl Lagerfeld, der müsste für eine Mitarbeit in der Josefstraße endlich sein bisher verschwiegenes Geburtsdatum rausrücken. Das allein wäre schon ein Grund, ihn für die Mitarbeit nach Zürich zu laden.

www.senior-design.ch

Die Autoren Guido Schild und Alexander von Keyserlingk sind Unternehmensentwickler bei Team Retail Excellence.

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Kategorien: Intrapreneurship

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