Global Sourcing – Ein verdrehtes Weltbild 2016

2011: Nordafrikas Despoten stolpern, die Amerikaner bekommen ihre Wirtschaft nicht wieder angekurbelt, die Chinesen sind die westlichen Moral-Gängelungen leid und alles fügt sich zu einem neuen Weltbild zusammen.
Sourcing 2016: Die europanahe und die US-Produktion sind zurück auf der Landkarte. Ein gar nicht mehr so fantastisches Zukunftsszenario in vier Akten.

2012: Ein chinesischer Fabrikant macht Schluss-Bilanz.

Natürlich würde Hr. Hu das nie zugeben. Schon lange ist er nicht mehr zufrieden, wie es mit seiner Bekleidungsproduktion 50 Kilometer vor den Toren Shanghai‘s läuft. Die pushigen Amerikaner, die glauben, alles drehe sich um sie, die mühsamen Europäer mit ihren kleinen Orders, die kurzen Lieferzeiten und seit zwei Jahren all diese Audits, Programme für Partnerschaften – alles kostet Kapital und ist für ihn sinnlose Bürokratie. Der ist er im eigenen Land schon genug ausgesetzt: Die Provinzregierung hält den knappen Strom zunehmend nur für innovative Branchen bereit. Bezahlbares Land für die notwendige Erweiterung gibt es nicht mehr. Und dann noch die Arbeiter: Deren Löhne sind wieder um 15% gestiegen, Wanderarbeiter kommen kaum noch. Soll er nach Norden, wo die neuen Fabriken entstehen? Oder nach Süden, nach Kambodscha, Laos, wo die Arbeitskräfte noch billig sind? Oder soll er seine Beziehungen nutzen und in die Umwelt- und Klimatechnologie einsteigen?

Hu sieht jetzt klar und fasst seinen Entschluss: Die Fabrik für Jacken, Mäntel und Hosen, die er erfolgreich in den letzten 15 Jahren aufgebaut hat, mit ihren 2000 Angestellten – er wird sie verkaufen oder schließen. Dabei arbeitet er immer noch profitabel. Er wäre nicht der Erste: Allein in den letzten drei Jahren haben über 5.000 Bekleidungsfirmen im Großraum Shanghai geschlossen oder sich verlagert. Das Land und auch das Gebäude sind wertvoll, die Maschinen wird er leicht loswerden. Am Ende fällt die Entscheidung leicht, seine Kinder studieren in den USA und haben klargemacht, dass sie nicht in der „alten“ Industrie arbeiten wollen. Trotz Wehmut fühlt er sich jetzt wohler: Er, der sich ein Leben ohne Fabrik nicht vorstellen konnte, wird wie viele seiner alten Freunde erst einmal eine Luxuskreuzfahrt buchen. Und dann mal sehen: Produktion managen, Kunden auftun, etwas aufbauen, das kann er und das hat ihm auch immer am meisten Spaß gemacht, egal wo. Er ist durch und durch ein Entrepreneur.

2014: Ein deutscher Handelsmanager kauft wieder Europa-nah

Dr. Maurer ist stolz. Ernst genommen hatte es zu Anfang niemand so recht. Vor allem nicht seine Einkäufer. Zu eindeutig lasen sich die Statistiken: China machte 2010 40% der EU-Importe aus, sein Unternehmen bezog über 60% aus China. Der Anteil hatte sich seit 2004 mehr als verdoppelt und chinesische Lieferanten importierten dreimal mehr als die türkischen, seine Nummer 2. Bei Preis/Leistung, Verfügbarkeit von Garnen und Geweben und Zuverlässigkeit waren die Chinesen für ihn immer noch top. Die Alternativen Bangladesch, Indien oder Vietnam waren o.k., aber eben doch nicht so gut wie seine Chinesen.

Dr. Maurer war verantwortlich für den Einkauf eines großen deutschen Bekleidungsfilialisten und hatte sich Anfang des letzten Jahrzehnts selbst vehement für die Verlagerung nach Asien eingesetzt. Und eines war Dr. Maurer bestimmt nicht: ein Idealist. Trotzdem hatten ihn die Ereignisse im Frühjahr/Sommer 2011 verändert: Fukushima, Atomausstieg, Umbruch in Nordafrika, Klimaerwärmung, Euro-Krise. Ihn faszinierte die Idee, die Beschaffung, die ganze Supply Chain, wieder näher an Deutschland zu rücken. Die Geschäftsaufgabe seines langjährigen Lieferanten und Partners Hu war dann nur noch ein letztes Signal, es musste etwas passieren. Sein Unternehmen war strukturell gut aufgestellt: Die Sortiments- und Produktentwicklungsprozesse waren stabil, die Taktung und die Planung in die Fläche funktionierte.

Um wieviel müsste eigentlich die LUG rauf, der Mittelpreis angehoben werden, um kommende Margenverluste zu kompensieren? Und sind nicht auch die Transportkosten jedes Jahr um 10% gestiegen? Fliegen ist eh nicht mehr drin und für ein 12- Euro-T-Shirt auch ökologisch eigentlich unverantwortlich. Maurers Ziel wurde klar: „Ich möchte, dass wir wieder signifikant in Europa oder Europa-nah beschaffen, und zwar vor- und insaisonal. Aus Gründen der Risikoabsicherung, der Aktualität und der Nachhaltigkeit – und zum Geldverdienen!“ Das war vor nicht einmal zwei Jahren. Jetzt blickt Dr. Maurer auf die Lieferanten-Saisonauswertung FS-2014: 20% Umsatzanteil machen seine neuen alten Märkte mittlerweile und die Konsumenten honorieren seine neue Beschaffung _ sie kaufen weniger, aber dafür höherwertig. Fast alle neuen Lieferanten liegen deutlich oberhalb der Ziel-Kennzahlen. Die Einkäufer haben Vertrauen, gerade auch wegen der neuen, starken Partnerschaften. Das Geschäft ist stabil. China ist weiterhin sehr wichtig, aber die Abhängigkeit ist gesunken. „Vielleicht“, denkt er auf dem Weg ins nächste Meeting, „ist auch bald Made in Germany wieder drin.“

2013: Ein deutscher Importeur ist wieder im Geschäft

Ingo Müller hatte keine einfachen Jahre. Die Direktimportwelle und der Ausbau der eigenen Beschaffungsbüros seiner Kunden in den 90ern, die er anfangs fast noch belächelte, hätten ihn fast seine Firma gekostet. Das lag nicht unbedingt an der konsequenten Strategie oder am exzellenten Konzept seiner Kunden – deutschen Bekleidungsfirmen und Händlern –, sondern vor allem an der Leistungsfähigkeit vieler asiatischer Lieferanten. „Die haben zuletzt so professionell gearbeitet, da brauchte es fast keine Mittelsmänner“, war sein Fazit. Und schon gar nicht jemanden, der wie er mindestens 8% Kommission benötigte. Aber irgendwie kam er durch, konnte seine wichtigsten Mitarbeiter halten. Und er hatte immer noch etwas: das Gespür, neue Lieferanten zu finden und aufzubauen, Ware kurzfristig zu beschaffen. Ein Händchen für Stoffe und Trends hatte er schon immer. Organisieren, planen und verkaufen, das hatte er sich über viele Jahre angeeignet. Neugier und Reiselust trieben ihn an.

Als Dr. Maurer ihm seine Ideen skizziert, erkennt Müller die Chance sofort. Portugal, Griechenland, Tunesien und Marokko sind natürlich etablierte Märkte mit guten Lieferanten, aber wer soll es denn abwickeln? Seine Kunden haben die Büros nur in Fernost! Ein Einkaufsbüro in Porto oder Thessaloniki für die Kunden eröffnen? Mazedonien, Moldawien oder auch Ägypten sind da schon ein anderes Kaliber, da wollen Händler bestimmt nicht direkt investieren. Die Anfrage von Dr. Maurer zu einer neuen Kooperation nimmt er daher ohne Zögern sofort an. Er und sein Team reisen, besuchen
alte Bekannte und neue Fabriken. Nicht immer auf dem neuesten Stand, aber zu günstigen Lohnminuten. Vor allen Dingen trifft er auf eine Bereitschaft sich reinzuhängen, etwas, was er bei den asiatischen Partnern zuletzt vermisste. Da investiert er gern Zeit, und auch Geld, und am Ende kommt die Belohnung in Form erster Testaufträge seiner Kunden. Dass er dabei mit einer geringeren Provision leben muss, geht in Ordnung. Im Gegensatz zu früher hat er mit seiner Sourcing-Rolle in Nordafrika wieder etwas Dauerhaftes: Wertschöpfung und Arbeitsteilung mit seinen Kunden. Die Beschaffung läuft über seine Büros und er ist strategischer Maghreb-Partner für das Europageschäft vieler Händler.

2016: Ein Amerikaner findet wieder einen Job

„Soweit ist es also schon gekommen!“, sinniert Steve in San Antonio, Texas, an seinem zweiten Arbeitstag. Natürlich war ihm „Chinvest“ längst ein Begriff, die Fachzeitschriften waren schließlich voll davon. Alles drehte sich um den Kunstbegriff aus „China“ und „Investitionen“. Kühlschränke wurden schließlich schon seit den 70-ger nicht mehr in den USA produziert. All jene Waren, die die Amerikaner in den „Goldenen Jahrzehnten“ bis zur großen Finanzkrise 2008 auf Kredit konsumierten, bis die Schulden immer neue Rekorde erreichten und mehr und mehr Amerikaner ihren Job verloren, weil die Wirtschaft einfach nicht mehr ansprang.

Steve hatte immer gedacht: „Die Chinesen produzieren billig und wir zahlen dafür. Wir sind der Kunde, wir entscheiden.“ Dann hatten die Chinesen in den letzten fünf Jahren verstärkt Firmen in den strukturschwachen Regionen der USA gekauft, sicherten sich auch hier den Zugriff auf die Rohstoffe inklusive Know-how oder auch die US-Baumwollproduktion. Anstatt Rohware nach China zu bringen, produzierte man jetzt in den USA. Hatten die Japaner in den 80-gern die Autoproduktion in die USA verlegt und hier Arbeitsplätze geschaffen, waren es zuletzt die Chinesen und die hochwertige Textil- und Bekleidungsproduktion. Schon zu Beginn seiner Laufbahn war Steve in der Textilbranche beschäftigt. Letzte Woche unterschrieb er endlich seinen neuen Arbeitsvertrag, nach fünf Jahren ohne Job. Er verdient jetzt fast 50 % weniger als vor der Krise, hat aber wieder Arbeit. Seine neuen Arbeitgeber: zwei junge chinesische Brüder, Kenny und Chan Hu, weltoffen, gebildet, Harvard. Man munkelt, dass der Vater Millionen mit einer Bekleidungsproduktion in Shanghai verdient hat. Hier in San Antonio war eine Produktion von drei Millionen Teilen entstanden: Jacken, Mäntel und Hosen – aufgebaut aus dem Nichts. Angeblich stehen die Kunden schon fest: Timberland, Ralph Lauren und Tommy Hilfiger. Steve’s Aufgabe: Produktionsplanung und -steuerung. Gestern hatte der Vertrieb Besuch aus Deutschland, ein Dr. Maurer prüft die neuen Möglichkeiten im Südwesten Amerikas. Seit der Dollar gegen den Euro nun schon im siebten Jahr 40 % verloren hat und die Löhne mexikanisches Niveau haben, wird die USA auch für Europäer ein spannendes Sourcing-Land.

In vier Wochen geht es endlich los, die Produktion läuft an, die Arbeiterinnen werden auf Output getrimmt. Der hoch moderne CAD-Cutter wird gerade eingerichtet. „Ärmel hochkrempeln – das hat Amerika groß gemacht, nicht die Banken“, denkt sich Steve beim Weg in die Kantine.

Von Oliver Schlömann

Oliver Schlömann ist Unternehmensentwickler bei Team Retail Excellence.
Inspiriert für diesen Beitrag wurde er durch die Rückkehr von Beschaffungsthemen im Jahr 2010.

Ein Nachdruck dieses Artikels wurde in der Zeitschrift TextilWirtschaft Nr. 51/2011 veröffentlicht.

Schlagwörter: ,

Kategorien: Einkauf, Intrapreneurship

Ihr Abo für Retail Management Impulse

Damit Sie uns nächsten Monat nicht vergessen, ziehen Sie sich ein Abo. Wir melden uns in Ihrem Maileingang, wenn es spannendes Neues gibt. ihr retail intrapreneur

2 Kommentare - “Global Sourcing – Ein verdrehtes Weltbild 2016”

  1. Sascha
    15. Mai 2012 um 15:28 #

    Super Artikel

  2. 26. September 2011 um 19:37 #

    Toller Artikel, kreativ und überraschend „schlüssig“.

Ihre Meinung zu diesem Beitrag?

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s