Jenseits von Asien – Sportschuhproduktion zurück nach Deutschland

Wenn eine Manufaktur aus Mecklenburg-Vorpommern den Marktführern zeigt, wie‘s auch laufen kann…

Lars und Ulf Lunge haben keinen Affen. Während Trigema-Chef Wolfgang Grupp in TV-Spots zusammen mit einem Schimpansen für seine in Deutschland gefertigten Textilien wirbt, sparen sich die beiden norddeutschen Unternehmer tierische Unterstützung. Immerhin haben die Gebrüder Lunge eines mit Grupp gemein: Sie produzieren ausschließlich in Deutschland; und darüber hinaus sind rund 80 Prozent ihrer Zulieferer hierzulande angesiedelt, der Rest im übrigen Europa.

Das an sich wäre kein Kunststück, wenn die Entrepreneure nicht in einer Branche unterwegs wären, die längst an asiatische Standorte verloren geglaubt war: Sie stellen Sportschuhe her. Die Marktführer Nike, Adidas, Reebok, Asics und Puma produzieren seit vielen Jahren ausschließlich in Fernost, vor allem in China und Vietnam. Doch der Erfolg ihrer 2008 in Mecklenburg-Vorpommern gegründeten „Lunge Manufaktur“ gibt den Outsidern recht – offensichtlich kann es doch gelingen, gegen den Strom der Globalisierung anzuschwimmen. Gestartet mit einer Jahresproduktion von 1.500 Paaren, konnten sie bisher eine Steigerung von 300 Prozent erzielen. Rund 100 Einzelhändler haben bisher Modelle wie die Laufschuhe C-Dur, A-Moll oder Fis in ihr Sortiment aufgenommen. Und diese klingenden Namen täuschen nicht, im Geschäft mit Sportschuhen made in Germany steckt offensichtlich Musik drin.

Lunges erweitern ihr Händlernetz nur mit Bedacht, um ihre Produktionskapazitäten nicht zu überschreiten. Trotzdem ist in diesem Jahr ein großer österreichischer Intersport-Händler dazugekommen, auch in der Schweiz sind neue Kunden gewonnen worden – und selbst nach Singapur liefern Lunges mittlerweile. All das stellt in die Köpfe eingefräste Dogmen auf den Kopf. Globalisierung ist ein unumkehrbarer Prozess, lautet eines davon. Lars und Ulf Lunge können da allerdings als Gegenbeispiel herhalten, denn sie hatten schon ein asiatisches Intermezzo hinter sich gebracht, bevor sie die Produktion in einem ehemaligen Kuhstall im mecklenburg-vorpommerschen Düssin aufnahmen. Von Ende der 80-ger bis in die 90-ger Jahre hinein ließen sie vier Laufschuhmodelle bei einem südkoreanischen Auftragsfertiger herstellen. Woran es gehapert hat? Ulf Lunge wirft die Arme hoch: „Qualität, Qualität, Qualität! Sie kriegen einfach nicht das, was Sie wollen, so wie Sie es wollen.“

Nach diesem Missverständnis hätten andere sich wohl von ihren Ambitionen verabschiedet. Und für die Lunges wäre dies auch alles andere als ein ungebremster Absturz gewesen: Schließlich waren die Brüder, die auch heute noch in Hamburg
und Berlin sechs Geschäfte für Laufbedarf betreiben, schon damals im Sportartikel-Einzelhandel sehr erfolgreich. Statt
dessen aber bewiesen sie Qualitäten, die Entrepreneure und Sportler gemein haben: Wettbewerbsgeist und langen Atem.
Und Risikobereitschaft. So merkt denn auch der ehemalige Hamburger Marathonmeister Ulf Lunge trocken an: „Wir haben damals unsere gesamte Altersvorsorge in die Manufaktur gesteckt.“ Dazu kam allerdings noch das Kapital, das in den Köpfen der beiden steckte: Als Einzelhändler konnten Lunges jede Menge Kompetenz in die Entwicklung ihrer Schuhmodelle investieren. „Wer 50.000 Paar Laufschuhe verkauft hat, kennt jeden Fußtyp und jede Fehlstellung“, weiß Ulf Lunge.

Mit einer Jahresproduktion von 6.000 Paaren wirkt die Lunge Manufaktur natürlich winzig neben Marktgiganten wie Nike oder Adidas. Berücksichtigt man das Preissegment, in dem die Produkte aus deutscher Herstellung angesiedelt sind, sieht die Sache allerdings schon anders aus, meint Ulf Lunge: „Für die Kunden spielt die Musik bei Laufschuhen im Bereich von 100 bis 165 Euro. Von großen Herstellern wie Asics gibt es zwar Schuhe für 180 oder 185 Euro – aber in diesem Segment setzen sie kaum mehr ab als wir.“ Für ein Paar Lunge-Laufschuhe sind im Einzelhandel 200 Euro fällig, damit markieren sie den obersten Preisbereich. Trotzdem sind sie sehr weit entfernt von der Fünfhunderter-Marke,
die Adidas-Chef Herbert Hainer schon 2008 als unerlässlich für in Deutschland gefertigte Sportschuhe proklamiert hatte.

Obwohl Ulf und Lars Lunge bewiesen haben, dass man hierzulande weit günstiger produzieren kann als von der Brachengröße Hainer unterstellt, ist ihnen doch bewusst, dass sie um so viel besser sein müssen, wie sie teurer sind. Und besser wollen sie sein, da kennen sie keine Kompromisse. Das fängt mit der Sohle an, dem zentralen Element jedes Laufschuhs. Während man in Asien Mittelsohlen grundsätzlich aus Schäumen herstellt, werden sie in Düssin aus dem Vollen geschnitten und bestehen aus Ethylenvinylacetat (EVA). Doch auch bei Material und Verarbeitung der Schäfte gelten außergewöhnliche Qualitätsstandards: Da stoßen die Nähte akkurat aufeinander, kein vorwitziges Fädchen bleibt zurück. Diesen Schuhen sieht man die deutsche Wertarbeit an. Was man ihnen als Laie nicht unbedingt ansieht, ist der hohe Anteil von Handarbeit: 3,5 bis 4,5 Stunden Arbeitsaufwand für ein Paar Schuhe trotz Einsatz moderner Fertigungstechniken, etwa beim Laser- Zuschnitt des Obermaterials. Doch in der Düssiner Manufaktur ist der Lohnkostenanteil nicht nur wegen des hohen Zeitaufwandes weit größer als bei den Wettbewerbern, hier werden auch deutsche Löhne gezahlt. In Vietnam dagegen gelten für einfachste Industriearbeit Mindestlöhne zwischen 1.100.000 und 1.550.000 Dong monatlich – umgerechnet 37 bis 52 Euro, wobei Facharbeiter gewöhnlich auf rund 3.000.000 Dong, rund 100 Euro, kommen.

Mit dem bisherigen Arbeitsanteil an den Produktionskosten werden die Lunges kaum zu den Stückzahlen vordringen können, die sie mittelfristig anvisieren – eine Jahresproduktion von 100.000 Paaren innerhalb der nächsten fünf Jahre. Schon heute gehört das Optimieren von Produktionsprozessen zum täglichen Geschäft, und Ulf Lunge sagt: „Im Vergleich zu 2008 sind wir heute bei ‚Lunge 2.0‘ angekommen.“ Doch auch wenn weitergehende Automatisierung in der Herstellung schon geplant ist, darf sie doch nie zu Lasten der Fertigungsqualität gehen, schließlich ist gerade sie das Alleinstellungsmerkmal der Lunge-Schuhe.

In Zeiten, in denen „Nachhaltigkeit“ oft genug eher in der Marketingabteilung als in der Produktion angesiedelt ist, gehen Lunges ihren eigenen Weg: Ihre Laufschuhe halten rund 2.000 Kilometer durch, während Modelle aus asiatischer Herstellung gewöhnlich bei 1.200 Kilometern schlappmachen. Obendrein lassen sich die Schuhe aus Düssin in der Manufaktur gegen eine Pauschale von 70 Euro neu besohlen, auch das relativiert den hohen Anschaffungspreis.

„Es gibt Leute, die haben uns Schuhe schon zum zweiten Mal zum Besohlen geschickt – und sich bedankt, weil sie, über
die gesamte Nutzungsdauer, noch nie einen so preiswerten Schuh gehabt haben“, sagt Ulf Lunge. Auch in einem anderen Bereich können die Marktführer kaum mit den Lunges mithalten: Ökotex- 100-zertifizierte Obermaterialien, Laufsohlen aus vulkanisiertem Gummi, Einlegesohlen aus Latexschaum – Lunge-Schuhe sind „grüne“ Schuhe. Doch trotz aller Produktvorteile wie biomechanischen Eigenschaften, Fertigungsqualität und Schadstofffreiheit – die Brüder Lunge wissen, dass es kaum möglich sein wird, die angepeilte Marke von 100.000 Paar pro Jahr zu erreichen, wenn sie sich mit dem Preis nicht ein Stück weit dem Massenmarkt annähern. Ulf Lunge beschreibt ihre künftige Strategie so: „Wir greifen von oben an und loten den Markt vorsichtig ein Stück nach unten aus. Wenn ich einen Schuh für 150 Euro herausbringe, dann hängt die Messlatte wesentlich tiefer, dann ist der Aufwand für uns markant reduziert, und die Nachfrage deutlich größer.“ Mit solchen, qualitativ immer noch hochwertigen Schuhen ließen sich Läufer auf den Geschmack bringen – und später würden sie dann unweigerlich zu den Spitzenmodellen des Lunge-Sortiments greifen, so das Kalkül
der Unternehmer. Zudem, so Ulf Lunge, ließe sich ein Trend ausmachen, der den undogmatischen Globalisierungsverweigerern ebenfalls zugute kommt: „In China steigen die Löhne, solche Beschaffungsmärkte verteuern sich – sie kommen uns bei den Produktionskosten entgegen.“

Natürlich wäre es utopisch, die Düssiner Manufaktur als Gegenmodell zur Globalisierung auszurufen. Die Lohnkostenvorteile des globalisierten Arbeitsmarktes erlauben Branchen wie der Textil- oder Schuhindustrie kein Zurück, zumindest nicht auf breiter Front. Trotzdem könnten die Lunges, ausgestattet mit Vision, Beharrlichkeit und Kompetenz, für andere Entrepreneure zum Leitbild werden. Für die großen Wettbewerber der beiden gilt jedenfalls das Motto „Die Karawane zieht weiter“; so hat etwa Nike seinen Produktionsschwerpunkt im vergangenen Jahr wegen gestiegener Lohnkosten von China nach Vietnam verlagert. Sie bleiben Getriebene. Ulf und Lars Lunge sind angekommen.

Der Autor Jürgen Drommert hat u.a. für Die Zeit, das Magazin der Süddeutschen Zeitung und Die Welt geschrieben. Zur Zeit ist er Redakteur des Lufthansa Magazins.

Fotos: Deerberg Versand

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Kategorien: Intrapreneurship

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