Wie weit geht die Verantwortung von Handel und Industrie?

Große, internationale Bekleidungs- und Schuhunternehmen, NGO’s, wissenschaftliche Experten und die U.S. Umweltschutzbehörde haben die „Sustainable Spparel Coalition“ gegründet, um die Entwicklung eines „Product Sustainable Footprint“ voranzutreiben. Ziel der Allianz ist es, einen international anerkannten Maßstab zur Qualitätsbewertung von Produkten unter nachhaltigen Aspekten zu schaffen und dadurch die negativen einflüsse der Textil- und Schuhproduktion auf Mensch und Natur zu reduzieren. Mit Hilfe des sog. „Sustainability Index“ sollen Daten von der Rohstoffgewinnung über die Weiterverarbeitung bis zur Nutzung des Produktes erfasst, verglichen und bewertet werden. Zu den 30 Gründungsmitgliedern gehören große Namen wie etwa Adidas, C&A, Esprit, Gap inc., H&M, JC Penney, Kohl’s Department Stores, Lenzing, Levi Strauss & Co., Li & Fung, Marks & Spencer, New Balance, Nike, Nordstrom, Otto Group, Patagonia, Pentland Brands, Timberland, VF Corp und Walmart.

Globalisierung forciert Arbeitsteilung

Arbeitsteilung ist kein neues Phänomen, sie hat allerdings durch die Globalisierung, gerade auch in der Supply Chain für Bekleidung und andere Konsumgüter, eine neue Dimension erreicht. In Verbindung mit dem anhaltenden technischen Fortschritt wurde die Produktion in den vergangenen Jahrzehnten zunehmend arbeitsteiliger. Dies führte zu Professionalisierung, Produktivitätsfortschritten und Wohlstandssteigerung nicht nur in den westlichen Ländern, sondern zunehmend auch in den Schwellen- und Entwicklungsländern. Neben diesen positiven Trends zieht die Arbeitsteilung jedoch – zumindest aus der Perspektive eben jener Schwellen- und Entwicklungsländer – auch einen „Export“ schädlicher Umweltauswirkungen nach sich. Außerdem begünstigt sie problematische Arbeitsverhältnisse in einigen Teilen der Erde.

Große Verantwortung für den Handel

Parallel zur wachsenden globalen Arbeitsteilung entstand in den entwickelten Gesellschaften eine neue Wirtschaftsethik, die die Unternehmen ausdrücklich in die Verantwortung nimmt und einfordert, dass der gegenwärtige Wohlstand nicht auf Ausbeutung von Mensch und Natur beruhen, also nicht zulasten nachfolgender Generationen gehen dürfe. Politikern, Managern und Konsumenten wird zunehmend klar: Wir haben auf eher kurze Sicht auf dieser Erde nicht ausreichend Ressourcen, um damit weiter so unachtsam umzugehen wie bisher. Handelsunternehmen haben in ihrer Funktion als Bindeglied zwischen Industrie und Konsumenten die Möglichkeit und zunehmend auch die Verantwortung, auf eine zweifache Verhaltensänderung Einfluss zu nehmen: für eine Beeinflussung der Lieferanten hin zu umwelt- und sozialverträglicher Produktion einerseits und einer adäquaten Kommunikation und Aufklärung von Konsumenten andererseits.

Gesellschaft mit beschränktem Einfluss?

Wie aber kann ein Unternehmen diese Verantwortung tatsächlich wahrnehmen? Ein Händler oder Produzent kann heute zweifellos Einfluss auf seine direkten Lieferanten nehmen. Erfolg versprechend sind auch gemeinsame, branchenweite Anstrengungen, wie z.B. die Auditing-Programme der BSCI. Dennoch bleiben angesichts der Komplexität globaler Wertschöpfungsketten viele Faktoren und Risiken unklar. Dies lässt sich leicht am Beispiel eines T-Shirts zeigen: Die dafür verwendete Rohbaumwolle stammt z.B. aus Ägypten. Diese wird in Italien zu hochwertigem Garn versponnen, in China gewebt und gefärbt und in Kambodscha zum Fertigprodukt genäht. Von dort wird das Produkt zum Handel und zum Endverbraucher in Europa transportiert.

Alle diese Prozesse haben vielfältige Auswirkungen auf Umwelt und Gesellschaft. Es gilt, Wasserverbrauch, Energieverbrauch und Treibhausgasemissionen, Abfälle oder Arbeitsbedingungen umfassend zu ermitteln, zu bewerten und, wo immer nötig, auf eine Verbesserung der Situation hinzuwirken – und dies nicht nur für ein einzelnes Produkt, sondern für das gesamte Sortiment. Wie realistisch ist es für ein Handelsunternehmen, dass es diese Erwartung einlösen kann?

Verantwortung für überschaubare Handlungen

Der „Wirtschaftsphilosoph“ Leopold Kohr bemerkte vor über 50 Jahren in seinem Buch „Das Ende der Großen – zurück zum menschlichen Maß“ hierzu: „Die Probleme einer Gesellschaft, die sich über ihre optimale Größe hinaus entwickelt, wachsen mit der Zeit rascher als die menschliche Fähigkeit, mit ihnen fertig zu werden.“ Und, so Kohr weiter: „Vernünftig ist, was sich verantworten lässt. Verantworten lassen sich Handlungen und Entwicklungen, die überschaubar sind. Deshalb ist vernünftiges Handeln auch nur in überschaubaren Einheiten praktizierbar.“

Umfassender Ansatz erforderlich

Solange wir als europäische Markenanbieter oder Händler keine Transparenz über das Ausmaß unserer Handlungen und Entscheidungen haben, können wir gemäß Leopold Kohr letztlich auch nicht verantwortungsvoll handeln. Auf den Punkt gebracht: “You can’t manage what you can’t measure!” Wir brauchen Entscheidungs- und Steuerungskriterien für ein erweitertes Supply-Chain-Verständnis. Damit aber stehen Industrie und Handel gerade erst am Anfang. Wie z.B. auch beim Carbon Footprinting, einem ernst zu nehmenden Versuch, sich einer durchaus relevanten Umweltauswirkung von Produktion und Energieverbrauch zu nähern. Aber isoliert betrieben, greift die CO2-Bilanzierung deutlich zu kurz. Denn wenn ein Händler allzu energisch darauf pocht, dass seine Lieferanten Strom sparen, kann dies vor Ort durchaus zu unerwünschten Konsequenzen führen, indem etwa das gerade angeschlossene Klärwerk wieder abgeschaltet wird oder hunderte Arbeiter ohne ausreichende Klimatisierung und Beleuchtung arbeiten müssen.

Durch aufwändige und umfassende Audits, Aufklärung und Qualifizierung von Lieferanten lassen sich Konsequenzen wie diese vielleicht vermeiden und gesicherte Arbeitsverhältnisse, beispielsweise in indischen Konfektionsbetrieben, sichern. Doch das reicht nicht. Denn es braucht ebenso Instrumente zur Aufklärung und Verbesserung der Situation auf den Baumwollfeldern oder bei der Baumwollveredelung, in den Färbereien oder bei der Zutatenproduktion.

Von der Vision zur Initiative

Derzeit wird daran gearbeitet, Grundlagen und Konzepte dafür zu schaffen, dass z.B. in einigen Jahren Entscheider im Einkauf folgende Supply-Chain-Transparenz haben können – ein Szenario:

Über 30 globale Player haben sich in der „Sustainable Apparel Coalition“ (siehe Einleitung oben) zum Ziel gesetzt, die für nachhaltige Beschaffungsentscheidungen nötige Transparenz zu schaffen. Es geht dabei schlichtweg um den Aufbau eines bewerteten, miteinander in Beziehung gesetzten Wissens über den gesamten Lebenszyklus von Bekleidungs- und Sportartikeln. Und das in einer Branche mit höchstem Globalisierungs- und Arbeitsteilungsniveau sowie hohem Ressourcenverbrauch, die zugleich ein wichtiger Beschäftigungsfaktor in vielen Entwicklungsländern ist. Ziel der Koalition ist es, einen Quasistandard für die Textil- und Schuhbranche zu schaffen. In einem ersten Schritt sollen geeignete Indikatoren und Kennzahlen sukzessive ermittelt und erprobt sowie zur Steuerung der internen Beschaffungsprozesse eingesetzt werden. Langfristig soll dieses Wissen auch der Kommunikation mit dem Endverbraucher dienen. Dieser soll so – ganz in Übereinstimmung mit Leopold Kohr – in die Lage versetzt werden, auf Basis „überschaubarer Entscheidungen und Handlungen“ selbstständig Verantwortung zu übernehmen. Die Aufgabe ist groß. Aber die Koalition ist es auch. Gemeinsam kann es gelingen.

Die Autoren:

Andreas Streubig ist als Bereichsleiter Umwelt- und Gesellschaftspolitik für
die operative Corporate-Responsibility-Arbeit der Otto Group verantwortlich.

Oliver Schlömann ist Unternehmensentwickler bei Team Retail Excellence.

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Kategorien: Einkauf, Intrapreneurship

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