Die Mutter des Intrapreneurship

Foto: Juliane Zitzlsperger | http://www.neverflash.com

Hedwig Gier hat mit Mode eigentlich nichts zu tun. Die gelernte Grafikerin lebt mit ihrer Familie, zwölf Hunden, fünf Katzen, zwei Pferden, zwei Ponys und weiteren Exemplaren unterschiedlicher Tiergattungen in einem ländlichen Refugium außerhalb Regensburgs. Michaela Gielgen ist Hedwig Giers Tochter. Auch sie lebt mit ihrem Mann hier und betreibt seit über zehn Jahren den Bogner-Store in der Altstadt von Regensburg. Sie muss sich entscheiden: Miet- und Franchise-Verträge verlängern und dann mindestens weitere zehn Jahre weitermachen mit Luxusmode für die ebenso betagte wie betuchte Klientel. Oder soll sie, gerade 39, etwas Neues angehen? Sie hat keine Lösung, keine Vision.

Hedwig Gier aber hat eine Ahnung, googelt für ihre Tochter „Concept- Stores-Einzelhandelsberatung“ – und trifft auf den Slowretail Blog sowie auf dessen Liste der weltweit spannendsten Concept Stores. Kurzerhand ein Anruf beim Initiator des Blogs, zugleich Entwickler moderner Einzelhandelskonzepte. Sie möchte ihn ihrer Tochter zum Geburtstag „schenken“: Beratung für einen Tag, um eine Vision zu finden.

Es ist ein eisiger Wintersonntag. Familientreffen mit Berater zum Workshop am heimischen Designertisch, die Hunde bleiben ausgesperrt. Michaela Gielgen ist hin und her gerissen, möchte sich neu erfinden – aber das bestehende, planbare (und erfolgreiche) Geschäft so einfach aufzugeben, widerstrebt ihr. Und was wann wie wovon und womit kann das Neue sein? Sie reden nicht über KPI’s, nicht über die normalerweise denkbare Option, sich mehr aus dem Tagesgeschäft zurückzuziehen, zu delegieren. Das ist für Michaela Gielgen nicht denkbar, sie ist Einzelhändlerin aus tiefster Leidenschaft, was durchaus wörtlich zu verstehen ist.

Im Gespräch geht es um persönliche Werte und Überzeugungen, die Liebe zur Natur, um soziale Gerechtigkeit, um die Begeisterung für schöne Dinge mit Mehrwert. Jenseits der Machbarkeit entsteht das Konzept eines idealen Ladens, die Bilder im Kopf von Michaela Gielgen werden farbiger, größer, konkreter: Es soll ein völlig neues Storekonzept werden, der erste ethische Concept Store des Landes. Kein Wolljacken-Stüberl mit Weltladencharme. Stattdessen ein kreativer und ausschließlich nachhaltig produzierter Produktmix aus Mode, Kosmetik, Büchern, Wohnaccessoires, Lebensmitteln und mehr. Auf hohem Lifestyle-Niveau und das Ganze – ja, warum nicht? – mitten in der Regensburger Altstadt.

Foto: Juliane Zitzlsperger | http://www.neverflash.com

Den Namen des neuen Ladens findet der (bisher an diesem Tag nicht involvierte) Hausherr Gier bei seiner Stippvisite zur Brotzeit in Sekunden: „Ja, nennt’s ihn halt Ludwig3, des is doch a die Adresse“. Gesetzt.
Nun kommt Hedwig Gier ins Spiel. Ohne Bezahlung, aber mit einem Auftrag: Während der nächsten Tage, Wochen, Monate recherchiert sie Hersteller, Produkte, grüne Zertifizierungen. Tag und Nacht, 24/7, meterweise Aktenordner füllend, bis zur Erschöpfung. Nebenbei den neuen Laden planend, während ihre Tochter sich um das Tagesgeschäft, die Bankgespräche, die Vertragsänderungen kümmert. Hedwig Gier ruft bei Ralph Lauren an, fragt nach einer Organic Linie, die es in Amerika schon gibt und bekommt prompt von höchster Stelle die Zusage, als Erste beliefert zu werden, wenn die Amerikaner damit auf den europäischen Markt gehen. Die Mutter erfindet Einkaufsmanagement neu, und ihre Tochter kann sich die Kollektionen aussuchen: die Öko-Teile von Marc O’Polo, Filippa K., handfrittierte Kartoffelchips aus England, Bio-Olivenöl aus Spanien in Philippe-Starck-Kanistern, ein Naturkosmetikdepot von Korres aus Griechenland, Cashmere-Lieferanten, die in der Mongolei Schulen bauen und viele weitere Pretiosen mit sozialem Engagement. Ein Sortiment, garantiert ohne Wettbewerb in Regensburg.

Foto: Juliane Zitzlsperger | http://www.neverflash.com

Zehn Monate später eröffnet Ludwig3, im angestammten Bogner-Lokal, Denkmalschutz von 1662, beste Altstadtlage. Das ist im Oktober 2009 – und vom Start bis heute mit wachsendem Erfolg gesegnet. Staunen und Lob von allen Seiten. Der Laden erweckt Aufmerksamkeit und Medieninteresse, alle Fachzeitschriften berichten in großer Aufmachung, Interviews und Vorträge sind kaum noch mit dem Tagesgeschäft unter einen Hut zu bringen. Der Laden wird zum „Store of the Year“ nominiert, gewinnt den Fair-Handels-Preis des Einzelhandelsverbandes.

Es ist, wie es am ersten Workshop-Sonntag von allen festgestellt wurde: Michaela Gielgen verkaufte Bogner nicht wegen, sondern trotz Bogner. Heute handelt sie mit schönem grünen Zeitgeist und hat die Sortiments- wie auch ihre eigenen Grenzen gesprengt. Ihre Stammkunden bleiben ihr treu, viele neue hat Ludwig3 gewonnen. Und Hedwig Gier recherchiert unermüdlich weiter für ihre Tochter, unbezahlt und unbezahlbar – Intrapreneurship mal ganz slow.

Von Alexander von Keyserlingk

Ludwig 3 Concept Store, Ludwigstraße 3, 93047 Regensburg

Alexander von Keyserlingk ist Retailberater im Fashion- und Lifestyle-Segment.
Nebenbei betreibt er den Slowretail Blog als Initiative für traditionellen und innovativen Einzelhandel.

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Kategorien: Intrapreneurship

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