Das iPhone und die Mär von der US Handelsbilanz – Die „Wahrheit“ über globale Arbeitsteilung

Es sind acht Worte, die die Globalisierung beschreiben. In winzigen, silbernen Buchstaben stehen sie auf der Rückseite jedes iPhones: „Designed by Apple in California – Assembled in China“. Zwei Volkswirte der Asiatischen Entwicklungsbank und einer Denkfabrik aus Tokio haben in einer faszinierenden Fallstudie untersucht, welche Folgen die räumliche Trennung von Erfindung und Produktion des iPhones für die Weltwirtschaft hat.

Paradoxien der Globalisierung

Yuqing Xing und Neal Detert haben die Wertschöpfungskette des iPhones analysiert und daraus erstaunliche Schlüsse für die Handels- und Währungspolitik abgeleitet. Ihr wichtigstes Fazit: Alle Versuche, das US-Handelsdefizit mit China über eine Aufwertung der chinesischen Währung zu schließen, sind zum Scheitern verurteilt. Die Bedeutung von Wechselkursen für die Struktur des Welthandels werde massiv überschätzt.

Schonungslos führt die Studie mit dem Titel „How the iPhone widens the United States Trade Deficit with the People´s Republic of China“ eine Paradoxie der Globalisierung vor Augen: Industrieländer wie die USA sind weltweit vorn bei der Entwicklung von innovativen IT-Produkten, lassen die Geräte dann aber in Entwicklungs- und Schwellenländern produzieren und importieren sie. „High-Tech-Produkte wie das iPhone helfen daher nicht, die US-Exporte zu erhöhen, sondern tragen im Gegenteil dazu bei, dass das Handelsbilanzdefizit wächst“, so Xing und Detert.

Allein 2009 habe das iPhone ein Loch in Höhe von 1,9 Milliarden Dollar in die US-Handelsbilanz gerissen. Das Telefon sei damit für fast ein Prozent des US-Handelsdefizits mit China verantwortlich. Das gewaltige Loch in der US-Handelsbilanz ist die wichtigste Zutat der globalen Ungleichgewichte, die nach Ansicht vieler Ökonomen die Stabilität der Weltwirtschaft bedrohen.

Die iPhone-Herstellungskosten belaufen sich auf 178,96 Dollar. Der wichtigste Zulieferer ist Toshiba – der japanische Konzern liefert Teile im Wert von 60 Dollar, unter anderem die Speicherchips und den Bildschirm. Von Infineon aus Deutschland kommen Komponenten im Wert von 29 Dollar, von Samsung aus Korea Teile im Wert von 23 Dollar. US-Unternehmen liefern Teile im Wert von elf US-Dollar. Insgesamt summieren sich die Materialkosten auf 172,46 Dollar. Die Zusammensetzung der Einzelkomponenten in China kostet nur 6,50 Dollar – gerade einmal 3,6 Prozent der Herstellungskosten, was den US iPhone-Import aus China insofern eher zum Japan-Deutschland-Korea-Import macht.

Jedes der 11,3 Millionen iPhones, die Apple 2009 in den USA verkaufte, ging mit einem Wert von 178,96 Dollar als Import aus China in die US-Handelsstatistik ein – insgesamt zwei Milliarden Dollar. Würde nur die tatsächliche chinesische Wertschöpfung gezählt, hätten die iPhone-Importe aus China in die USA nur ein Volumen von 73,5 Millionen Dollar und würden damit unter dem Strich zu einem Handelsüberschuss der USA mit China in Höhe von 48 Millionen Dollar führen. Wäre die Welt so wie die traditionelle Handelstheorie sie (immer noch) sieht, müssten die USA High-Tech-Produkte nach China exportieren. Schließlich haben die USA bei moderner Technik gegenüber China die Nase vorne – die Amerikaner haben, wie es die Volkswirte formulieren, sowohl komparative als auch absolute Kostenvorteile. Aber, um mit Brecht zu sprechen: Die Verhältnisse, sie sind nicht so. Die herkömmlichen Handelsstatistiken zeichnen ein verzerrtes Bild von den Handelsströmen“, schreiben Xing und Detert, „selbst eine 50-prozentige Aufwertung des Yuans würde die Herstellungskosten nicht nennenswert ändern“.

Link zur Studie

Der Autor Oliver Storbeck ist freier Journalist, u.a. für das Handelsblatt, deren Zusammenarbeit wir diesen Artikel verdanken. Mehr Spannendes von Oliver Storbeck finden Sie in seinem Blog „Economics Intelligence“.

Grafik: Klaus Meinhardt

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Kategorien: Intrapreneurship

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