Dorf macht DORV

In der rheinländischen Provinz ist der Kunstbegriff Intrapreneur ein Fremdwort. Trotz der historisch bedingten Affinität zu frankophilen Einschüssen in der regionalen Sprache wird sich hier nur ein verschwindend geringer Teil der Bevölkerung einen Reim auf diese Wortschöpfung machen können. Auch den realen Intrapreneuren des Dorfes Barmen, Gemeinde Jülich, 1.400 Seelen, ist der Begriff vermutlich schleierhaft, sie wissen nicht um seine Bedeutung. Davon unbeeindruckt haben sie in den letzten Jahren ein Paradebeispiel von Intrapreneurship realisiert, das landauf-landab seinesgleichen sucht. Und zunehmend auch findet.

Zu Beginn des neuen Jahrtausends gibt es in Barmen keinen einzigen Laden mehr. Keine Quelle der Bedarfsdeckung mit dem Nötigsten, keinen Ort der flüchtigen Begegnung für die Bürger. Die Leute treffen sich wortsinnig am Friedhofstor, die Ortsmitte wird geographisch durch den Post-Briefkasten im authentischen 70er- Stil definiert. Dabei ist Barmen schön, wenn man ihm einen zweiten Blick gönnt: Eine sich windende Durchgangsstraße, historische Gebäude, gepflegte Gärten. Nur eben kein Laden, keine Gaststätte. Vom Metzger, Bäcker oder Gemüsehändler ganz zu schweigen. Zuletzt hat die Sparkassen Filiale den Ort aufgegeben und ein leeres Ladenlokal zurückgelassen.

Heinz Frey ist Barmener und Lehrer. Er ist überzeugt, dass sich ein Laden im Ort rechnen würde und befragt die Bürger des Ortes persönlich, was sie sich an Waren und Dienstleistungen wünschen. Er gewinnt die Gemeinde und deren Verantwortliche überparteilich für die Idee, im Ort ein lokales Nahversorgungszentrum zu etablieren. Eines, das allein von den Barmenern gemeinschaftlich finanziert, getragen und weiter entwickelt wird.

Das alles geschieht im Jahre 2005, in dessen Folge Heinz Frey die Initiative des DORV-Ladens ersinnt: „Dienstleistung und Ortsnahe Rundum Versorgung“. Schließlich findet er in der ehemaligen Bankfiliale im Ortskern den perfekten Standort. Die Barmener Bürger gründen, durch Freys Vision motiviert, einen Trägerverein, jedes Mitglied zahlt Bares in DORV-Aktien ein. Ohne Option auf Gewinnausschüttung – der wertvollere Profit ist die neue, alte Lebensqualität im Ort. Die Bürger bringen sich ehrenamtlich ein, renovieren die künftigen Ladenräume in Eigenarbeit, ergänzen sie um eine benachbarte Erdgeschoßwohnung auf 150 qm Verkaufsfläche. Der Laden ist keine Schönheit, will er auch nicht sein. Logo-Sammelsurium an der Fassade. Innen keinerlei Tante-Emma-Romantik, keine polierten Holztresen. Stattdessen nüchterne, zweckmäßige Warenträger und pragmatisch abgeklebte Schaufenster, das schafft Platz für die Inhalte: Es gibt hier heute unter einem Dach mehr Waren und Dienstleistungen als je zuvor im ganzen Ort: Lebensmittel, Obst und Gemüse, frische Backwaren, Fleisch und Käse, Drogerieartikel, Getränke, Schreib- und Tabakwaren. All das in einer selektierten, entschleunigten Auswahl. Den Barmenern reicht das Sortiment, sie haben es sich selber ausgesucht. Es gibt eine Paketstation, eine Belegarzt-Praxis, einen Geldautomat, Versicherungsdienstleistungen, auch behördliche Formulare der Gemeinde. Alles inklusive persönlicher Beratung, jeder der acht vernünftig bezahlten Mitarbeiter kann hier alles. Und lebt es auch, jeder hier ist Intrapreneur par excellence, ohne Koketterie.

Die Barmener sind stolz auf ihren DORV-Laden, der sich wirtschaftlich ohne fremde Hilfe trägt und heute bundesweit als best-practice-Modell für handelsverwaiste Orte gilt. Die Intrapreneure von Barmen werden überregional zu Beratern für funktionierenden Handel der ehrlichsten Art. Die Marketingstrategie ist hier menschliche Begegnung und das Engagement jedes Einzelnen. Heinz Frey, ehrenamtlicher Geschäftsführer der DORV GmbH, hat im Eingang gut sichtbar das Foto der örtlichen freiwilligen Feuerwehrmannschaft direkt neben die Urkunde der Bundesinitiative „Deutschland – Land der Ideen“ gehängt. Sie hat den DORV-Laden zu einem „ausgewählten Ort“ erklärt.

Der Autor Alexander von Keyserlingk ist Unternehmensentwickler bei Team Retail Excellence und Initiator der Slowretail Initiative.

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Kategorien: Intrapreneurship

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